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Full text of "Verliebte Wagnerianer: Novelle"

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Harvard College 
Library 




FROM THE BEßUEST OF 

SUSAN GREENE DEXTER 



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VERLIEBTE 



WAGNERIANER 



NOVELLE 



VOH 



D. SPITZER. 



Und mein Stamm sind jene Asra, 
Welche sterben, wenn sie lieben. 
Heimich Heine: Rottumsero. 



ZTVEITE A.tmLA.aE. 




WiEK 1880 

Verlag von Julius Klinkhardt 

J., JOHANNESGASSB 29. 






HARVARD 

UNIVERSITY 
'-IBRARY 
APR 21 1943 



Druck von Julius KUnkhardt. 



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V 









I. 




iONiE von Malzau galt in der Gesell- 
schaft als eine schöne Frau. Einige 
■junge Männer fanden sie bezaubernd 
und seufzten, wenn sie sie sahen, einige 
ältere Männer dagegen bestritten allerdings 
nicht, dass sie noch immer reizend sei, nur be- 
haupteten sie, dass die herrliche grosse Locke, 
die über ihre schönen Schultern fiel, dunkler 
sei als das übrige Haar, und dass so schön 
geschwungene Augenbrauen, wie jene waren, 
deren sich Frau von Malzau erfreute, in das 
Reich der Phantasie gehörten gleich den idealen 
Landschaften Marko's und ähnlichen Meister- 
werken des Pinsels. Ein blutjunger Ulanen- 
lieutenant, der sie im Opembause sah, ver- 
säumte die Hälfte des Ballets, weil er fort- 
während nac^ ihrer Loge blickte, und als 



man ihn deshalb stichelte, antwortete er 
träumetisch, für einen Kuss, sogar nur auf 
die $tirne dieser Diana, hätte er gerne auch 
noch auf die andere Hälfte des Ballets Ver- 
zicht geleistet. Als man diese Aeusserung dem 
witzigen Legationsrathe hinterbrachte, der der 
Führer jener Partei war, die an der voll- 
ständigen Echtheit der Haare und Augen- 
brauen der schönen Frau zweifelte, erwiederte 
er sarkastisch, der Lieutenant hätte ganz Recht 
gehabt, ein solches Opfer zu bringen, denn 
er habe bis jetzt auch nicht den verschäm- 
testen Anflug eines Bartes, und würde, wenn 
ihm Frau von Malzau gestattete, seine Lippen 
auf ihre keusche Nasenwurzel zu drücken, 
nach einem solchen Kusse zweifellos den 
schönsten schwarzen Schnurrbart im Regi- 
mente besitzen. Was die Kritik der Damen 
über die Schönheit dieser Frau betrifft, so 
meinten sie, man müsse Frau von Malzau, 
um kein befangenes Urtheil abzugeben, am 
Tage nach einer durchtanzten Nacht betrach- 
ten, und man werde finden, dass sie einen 
gelblichen Teint und blaue Ränder um die 
Augen habe. Doch behaupteten mehrere be- 



— 3 — 

rühmte Statistiker, die namentlich in der ver- 
gleichenden Statistik der bei den Bällen der 
letzten Jahre sitzen Gebliebenen sehr zu Hause 
waren, dass diese strengen Richterinnen von 
dem schädlichen Einflüsse des anhaltenden 
Tanzens auf ihre eigene Gesichtsfarbe nichts 
zu besorgen hatten. 

Leonie war als Mädchen eine gefeierte 
Schönheit. Man nannte sie allgemein „die 
schöne Leonie*' und dieser Name hatte ihr, 
obwohl sie nur die Tochter eines beschei- 
denen Rechnungsrathes war, die Salons der 
hohen Finanzwelt eröffnet. Die Diplomatie, 
Büreaukratie, Plutokratie und Kavallerie, die 
in jenen Salons speiste und tanzte, lag ihr zu 
Füssen, und wie verführerisch war ihr kleiner 
Fuss! Ein Bankierssohn, der als das grösste 
Talent der Ringstrasse galt, denn er hatte nicht 
nur den ganzen Heine gelesen, sondern war 
auch ein sehr . gewandter Arbitrageur, hatte 
diesen Fuss in einem Sonett angebetet. 
Mein Gott, warum soll man nicht einen 
Mädchenfuss anbeten, das ist ja noch immer 
vernünftiger, als einen Ochsen anzubeten wie 
die alten Egypter. Freilich konnten die egyp- 



— 4 — 

tischen Theologen einwenden, dass ein dum- 
mer Ochs sein Leben lang ein dummer Ochs, 
das reizendste Mädchen jedoch nicht lebens- 
länglich ein reizendes Mädchen bleibe. Man 
hatte sich einst glücklich gepriesen, mit ihr 
tanzen zu können, und wenn sie eine Blume 
verlor, oder ihr ein ungeschickter Tänzer ein 
Stückchen von der Schleppe abriss, so waren 
die Blume oder das Stückchen Tüll im Nu 
verschwunden, und man konnte den unred- 
lichen Finder sofort an der Seligkeit erken- 
nen, die dessen Züge verklärte. Besuchte sie 
die „Philharmonischen Konzerte", so ging 
das besonders von den Virtuosen so ge- 
schätzte Ah! der Bewunderung durch den 
Saal, und in der That hatte sich einmal ein 
Dirigent, in der Meinung, es gelte ihm, ver- 
beugt und die Hand gerührt ans Herz ge- 
drückt. Und niemals kamen so viele Purzel- 
bäume auf dem Eise vor, als wenn sie auf 
diesem dahin schwebte, weil dann die Blicke 
der Schlittschuhläufer nur auf die Loreley 
des Eislaufplatzes gerichtet waren. 

Alle Bilder von Wiener Malern auf den 
Kunstausstellungen der letzten Jahre enthielten 



J 



— 5 — 

Reminiscenzen an ihre Schönheit. Einer unserer 
reichsten Bankiers blieb einmal erschrocken 
vor einer Judith stehen, die schon am frühen 
Morgen mit dem Haupte des Holofemes in der 
Hand spazieren ging, und griff nach seinem 
Kopfe, ob sich dieser noch auf seinem Platze 
befinde, da er es ganz genau wusste, dass diese 
Judith gestern an seiner Tafel soupirt hatte, 
bis er erkannte, dass der Maler für das Bild 
der bethulischen Wittwe die Züge der schönen 
Tochter des Rechnungsrathes benutzt hatte. 
Wenn man aber auch auf den Gemälden nicht 
immer ihr Gesicht fand, so konnte man doch 
gewiss sein, ihren Augen, ihrer Nase, ihren 
Ohren, ihrer Hand, oder ihrem Füsschen da- 
selbst zu begegnen. Rief doch einmal eine 
Bacchantin das Kopfschütteln der Lebemän- 
ner hervor, da ihnen die unnatürlich grüne 
Farbe ihres Fleisches so bekannt vorkam, 
bis sie sich erinnerten, dass die schöne 
Leonie auf dem letzten Balle, von dem so 
viel gesprochen wurde, in einer Toilette von 
derselben meergrünen Farbe erschienen war. 
Der Maler nämlich, der gesehen hatte, wie gut 
ihr dieses Grün stand, hatte sich der Hoffnung 



— 6 — 

hingegeben, dasselbe werde auch bei seiner 
Bacchantin die gleiche Wirkung hervorbringen. 
Doch alle Ah! und Oh! der Schwärmer 
halten den Schritt der Zeit nicht auf, sie 
greift grausam mit ihren Krallen in das 
schönste Frauenantlitz, und pflückt dort eine 
Blüthe nach der anderen, an deren Stelle 
nichts zurückbleibt als eine kleine Furche, 
aus der aber keine neuen Reize aufblühen. 
Die schöne Leonie wurde unter allen den 
Huldigungen, die ihr nach wie vor darge- 
bracht wurden, immer älter, ohne dass unter 
allen den Anbetern, die sich glücklich geprie- 
sen hätten, ihre Fingerspitzen zu berühren, 
auch nur Einer gewesen wäre, der ihre Hand 
begehrt hätte. Die Rechnungsräthin gedachte 
piit Bangen aller verflossenen Schönheiten 
der Residenz, die alte Jungfern geworden 
waren, und begann im Sommer mit ihrer 
Tochter die Bäder zu besuchen, deren Wirk- 
samkeit sie jedoch nicht nach der Menge der 
daselbst Geheilten beurtheilte, sondern nach 
der Anzahl der Verlobungen, die dort in der 
Saison stattgefunden hatten. Die sorgsame 
Mutter studirte daher mit grossem Fleisse die 



— 7 — . 

Kurliste sämmtlicher Badeorte, und gab jenen 
den Vorzug, die von älteren Junggesellen in 
sorgenfreier Lebensstellung besucht wurden. 
So gd)rauchte Leonie in Folge des Rheuma- 
tismus eines reichen polnischen Edelmannes, 
der ihr in der Residenz lange den Hof ge- 
macht hatte, die Thermen von Gastein, leider 
jedoch ganz ohne Erfolg, da der Pole den 
Rheumatismus der Ehe vorzog und auf seine 
Güter in Podolien zurückkehrte. Die Dick- 
leibigkeit eines angesehenen ungarischen Guts- 
besitzers zwang sie, die Heilquellen von 
Marienbad zu versuchen, und in der That 
verriethen die Seufzer, die der Ungar, wenn 
er sie während des Morgenspazierganges be- 
gleitete, ausstiess, nur zu deutlich, was in 
seinem Inneren vorging. Allein, nachdem er 
fünfzehn Pfund verloren hatte, hörte er plötz- 
lich zu seufzen auf und reiste nach Ostende 
ins Seebad, um sich dort seiner wieder ge- 
wonnenen Leichtigkeit zu freuen. 

Es wäre zu beschämend für die arme 
Leonie, wenn wir alle ihre gescheiterten Ver- 
suche, sich der Diplomatie zu widmen, oder in 
die Kavallerie einzutreten, oder die selbstän- 



— 8 — 

dige Leitung eines grösseren Bankiers zu über- 
nehmen, erzählen wollten. Nachdem wieder ein 
Sommer verstrichen war, der nur ihren Zustand 
verschlimmert hatte, — sie war jetzt sechsund- 
zwanzig Jahre alt — kam der Winter wieder 
mit seinen Festen und Huldigungen. Leonie 
nahm jetzt die letzteren nicht mehr mit 
Gleichgiltigkeit auf wie ehemals, sondern mit 
einem zaghaften Gefühle, das zwischen Hoff- 
nung und Entsagung schwankte, das ihr aber 
in den Augen Jener, die das Pikante lieben, 
einen neuen Reiz verlieh. Eines Abends 
wurde ihr auf einem Balle ein grosser breit- 
schulteriger, ziemlich beleibter Mann von 
etwa vierzig Jahren mit einem gutinüthigen 
rothen Gesichte, grossen Perlenhemdknöpfen 
und dem Ordensbande der eisernen Krone 
im^ Knopfloche vorgestellt Er bat sie um 
die nächste Quadrille, die sie ihm auch ge- 
währte. Ihr Tänzer trat ihr zwar schon 
während der ersten Tour zweimal auf den 
Fuss, aber sie hatte hierin mit dem scharfen 
Blicke heiratsfähiger Mädchen die Ungeschick- 
lichkeit eines Mannes erkannt, der nicht an 
diese graziöse Leibesübung gewöhnt war und 



— 9 — 

nur, um würdigere Ziele zu verfolgen, sich in 
die Gefahren einer Quadrille gestürzt hatte. 
Sie erwiederte daher die Fusstritte mit einem 
hingebenden seelenvollen Blicke, mit dem sie 
diemals nicht das schwungvollste lyrische 
Gedicht an sie belohnt hätte. 

Er geleitete sie an ihren Sitz zurück und 
knüpfte, während Leonie anderen Aufforde- 
rungen zum Tanze folgte, mit ihrer Mutter 
eine Unterredung an, indem er über die grosse 
Hitze, die in allen Tanzsälen herrsche, klagte 
— eine Beobachtung, welche die Mutter Leo- 
niens auch schon gemacht haben wollte. Er 
sprach sodann mit einiger Wärme über die 
Lüftung grosser Räume, Mittheilungen tech- 
nischer Natur, welche die Rechnungsräthin, 
wie sie versicherte, in hohem Grade inter- 
essirten, so dass sie ihn, in ihrer Begierde, 
über diesen wichtigen Gegenstand volle Klar- 
heit zu erlangen, in ihr Haus zu einer Tarock- 
partie mit ihr und ihrem Manne einlud, eben- 
falls einem grossen Freunde der Ventüations- 
kunst, wie sie beiläufig bemerkte. 

Der freundliche Mann, der so rasch die 
Zuneigung Leoniens wie ihrer Mutter ge- 



10 

Wonnen hatte, hiess Plunz und war einer der 
ersten Bierbrauen Das Bier, das er erzeugte, 
war so ausgezeichnet, dass der Name Plunz 
einen besseren Klang hatte, als man nach 
der nur geringen melodischen Fülle desselben 
zu erwarten berechtigt gewesen wäre, ja, die 
Biertrinker schmatzten, wenn er genannt 
wurde, mit den Lippen, wie etwa unglücklich 
Liebende, wenn sie den Namen Petrarka^s 
hören.^ War Herr Plunz ruhmessatt, oder 
war die Summe, die ihm eine Aktiengesell- 
Schaft für seine Brauerei bot, von so verlocken- 
der Grösse, genug, er hatte sein Brauhaus vor 
zwei Jahren verkauft und sich als Millionär in 
das wegen der inneren Zufriedenheit, die es 
angeblich gewähren soll, so häufig aufgesuchte 
Privatleben zurückgezogen. Doch dieses bot 
auch ihm, wie so vielen Anderen, die an die 
Ketten des Berufs gewöhnt waren, nurEnttäu- 
schungen, und nicht aus Eitelkeit, sondern um 
der Langeweile zu entgehen, die es hauptsäch- 
lieh liebt, um schwere Geldsäcke herumzu- 
schleichen, warf er sich dem Ehrgeize in die 
Arme. Er ersann Verbesserungen aller Art und 
zwar namentlich, vielleicht, weil er sehr voll- 



— n — 

blutig war, der Ventilationsapparate, bis es 
ihm endlich gelang, da er auf seine Kosten 
die Kavalleriekasemen mit von ihm erfundenen 
Vorrichtungen für die Lüftung versehen hatte, 
die Wissenschaft um eine neue Art von rheu- 
matischem Zahnschmerz, der einzig und allein 
bei der Armee und zwar merkwürdiger Weise 
nur bei dem berittenen Theile derselben vor- 
kam, zu bereichem, wofür ihm sowohl wie dem 
Stabsarzte, der jenes Kavallerie-Rheuma zuerst 
entdeckt und wissenschafdich beschrieben 
hatte, der Orden der eisernen Krone und 
mit diesem der Ritterstand verliehen wurde. 
Erwählte das Adelsprädikat Ritter von Malzau 
und gab der Pietät für die Quelle seiner Reich- 
thümer nicht nur Ausdruck, indem er mit einem 
der wichtigsten Bestandtheile des Bieres, dem 
Malze, seinen Namen würzte, sondern auch 
noch dadurch, dass er mit einer für die Bier- 
bereitung nicht minder werthvollen Substanz 
das Wappen, das er nunmehr zu führen berech- 
tigt war, hopfte, da er in demselben einer 
Hopfendolde einen hervorragenden Platz ein- 
räumte. Er wurde dadurch nicht lächerlicher 
als die Börsenspekulanten, Geldschrankfabri- 



12 



kanten, Spediteure, Schweinemetzger und Hof- 
gelegenheitsdichter, aus denen sich der neue 
Adel rekrutirt, er hatte sich ebensowenig Ver- 
dienste erworben wie diese, aber eine Million 
ist ein so schlagendes Argument, dass sie auch 
für den räthselhaftesten Viehstall eines Wap- 
pens ausreicht. Es ist richtig, er war ein Em- 
porkömmling, allein die meisten Leute, die sich 
über einen solchen lustig machen, ahnen nicht, 
wie schwer es manchmal ist, einer zu werden. 
Aber der Müssiggang ist aller Laster Anfang, 
und so begann Herr Plunz von Malzau seiner 
ehrlichen alten Junggesellenschaft, der er 
doch die Festigkeit seines Schlafes zu danken 
hatte, endlich überdrüssig zu werden. Er fing 
an, hin und wieder Besuche zu machen und auf 
Bälle zu gehen^ um so dem Zufalle die Ver- 
antwortlichkeit für das Gelingen seines Hei- 
ratsplanes zu überlassen, und lernte eben, da 
er die Salons vollständig satt bekommen hatte, 
Leonie kennen. Er tauschte daher sehr gerne 
für die Unbequemlichkeit des Ballsaales die 
Bequemlichkeit einer Tarockpartie mit den 
Eltern Leoniens ein, an welcher diese als Zu- 
schauerin Theü nahm und ihn, der nur ge- 



— 13 — 

ringes Verständniss für dieses Spiel an den 
Tag legte, durch ihre Gegenwart vollständig 
verwirrte. Eines Abends, da er wieder einen 
so ungeheuren Fehler im Spiele gemacht hatte, 
dass sein Partner, der Rechnungsrath, die 
Hände über dem Kopfe zusammenschlug, 
wurde er plötzlich blutroth, legte die Karten 
auf den Spieltisch nieder, wischte sich den 
Schweiss von der Stirne, dann sprang er vom 
Stuhle auf, fasste Leonie bei der Hand, 
küsste diese zärtlich und rief: 

„Ich werde nicht eher wissen, wie viele 
Tarocke ich in der Hand habe, bis Ihre Tochter 
meine Frau wirdi" 

Leonie schlug die Augen nieder und sechs 
Wochen später war sie im Besitze eines 
prachtvollen Brillantenhalsbandes, das ihr 
Herr Plunz von Malzau auf der Hochzeits- 
reise in Paris gekauft hatte. 





II. 




IE Ansprüche, die Leonie an die Ehe 
gestellt hatte, gingen alle in Erfüllung. 
ISie brauchte sich ja keinen Wunsch 
zu versagen, da Herr von Malzau die Rech- 
nungen seiner Frau bezahlte, ohne ihr je- 
mals, wenn jene auch noch so gross waren, 
Anlass zum geringsten Vorwurfe zu geben. 
Nur an der Eintönigkeit des ehelichen Le- 
bens vermochte sie, die an die Zerstreuungen 
der Gesellschaft gewöhnt war, keinen Ge- 
schmack zu gewinnen. Dir Mann hatte zwar 
vor der Heirat wiederholt während des 
Mischens der Karten davon gesprochen, dass 
er für die Gesellschaft durchaus nicht ge- 
schaffen sei und Leonie deutete in solchen 
Fällen ebenfalls ihre Vorliebe für eine stille 



— i5 — 

Häuslichkeit an, indem sie ein Tuch zur Hand 
nahm und von einem in der Nähe befindlichen 
Kasten den Staub, der sich möglicher Weise 
dort befinden konnte, abzuwischen begann. 
Allein wer vermöchte sich solcher kleiner 
Vorfälle aus vergangener Zeit immerdar zu 
entsinnen? Ihr Mann liebte die Bequemlich- 
keit, hielt auf Küche und Keller grosse 
Stücke und war regelmässig um elf Uhr 
Abends schläfrig. Bis halb elf Uhr war er 
der zärtlichste, opferwilligste Gatte, um diese 
Stunde aber begann er zu gähnen und war 
sehr geneigt zu widersprechen, und wenn er 
nicht dann zu Bette ging, so war er, wie 
Leonie behauptete, ein Tyrann. Sie be- 
wohnten den ersten Stock eines Hauses auf 
der Ringstrasse in der Nähe des Stadtparkes 
und im Sommer ihr eigenes Landhaus in 
Hietzing, sie hatten eine, wenn auch nicht 
vornehme, doch sehr hübsche Equipage und 
eine halbe Loge in der Oper, aber sie em- 
pfingen und machten nur selten Besuche. Ihr 
Mann begleitete sie wohl auf einige Bälle im 
Winter, Hess sich aber nicht bewegen, mehr 
als einen Ball im Fasching und ein Diner in 



— i6 — 

jedem Monate zu geben und Leonie war eine 
elegante, vornehme Blume, die der Treibhaus- 
hitze des Salons bedurfte. Der Rechnungsrath 
starb schon im zweiten Jahre nach der Verhei- 
ratung seiner Tochter und da seine Frau ihm 
bald nachfolgte, war Leonie hauptsächlidi 
auf die Gesellschaft ihres Mannes angewiesen, 
der jetzt die Ehe als Beruf betrieb. Er stand 
um acht Uhr Morgens auf, erkundigte sich 
bei seiner Frau, ob sie gut geschlafen habe, 
frühstückte mit ihr und las ihr interessante 
Theatemachrichten oder Unglücksfälle aus 
der Zeitung vor, umarmte sie beim Ab- 
schiede, kam zum Mittagessen nach Hause 
und erzählte ihr, was er während seiner Ab- 
wesenheit getrieben, ging, nachdem er ihr die 
Hand geküsst, in den kaufmännischen Verein, 
kam dann an Theatertagen zu seiner Frau in 
die Loge, fuhr mit ihr nach Hause, nahm 
dort seinen Thee u. s. w. Es ist wohl un- 
nöthig, besonders aufmerksam zu machen, 
dass dieses u. s. w. ebenfalls zu den Berufs- 
pflichten gehörte, die er pflichtgetfeu erfüllte. 
Die schöne Frau versuchte es, muthig 
auf die Freuden der grossen Welt zu ver- 



— 17 — 

ziehten, das härene Gewand der Hausfrau 
anzulegen und die Entbehrungen des häus- 
lichen Lebens zu ertragen. Sie empfing, 
wenn ihre Toilette beendigt war, den Bericht 
der Köchin — einen Koch hatte ihr der 
grausame Gatte versagt — über die Anord- 
nung des Mittagessens, besah die Pariser 
Modezeitungen und blätterte in den neuesten 
Romanen, läutete aber bei läng;eren Natur- 
schilderungen, oder wenn der Dichter ein 
besonderes Gewicht auf den psychologischen 
Entwicklungsprozess legte, dem Bedienten 
und Hess anspannen, um in den Prater 
oder zu ihrer Modistin zu fahren, oder sie 
setzte sich an^s Klavier und spielte ihre Lieb- 
lingsstellen aus den Opern Richard Wagner's. 
Sie schwärmte nicht nur für die Musik, sondern 
auch für die Dichtungen dieses Meisters. Sie 
versäumte selten die Aufführung einer seiner 
Opern, wusste sämmtliche Liebesscenen aus 
dem „Ring des Nibelungen^' auswendig und 
citirte Verse aus denselben, wenn die Ge- 
legenheit halbwegs einer kleinen Alliteration 
günstig war. Aber sie begnügte sich nicht 
damit, die Küche zu überwachen, es dem 

2 



— i8 — 

Gesinde nie an Arbeit mangeln zu lassen 
und in freien Stunden, wenn auch nicht 
Flachs, so doch die unendlichen Melodieen 
Wagner's zu spinnen, sie hantierte auch selbst 
mit Nadel und Scheere und hatte für den 
Lehnstuhl vor dem Schreibtische ihres Mannes 
eine Stickerei begonnen, in der zwei aller- 
liebste, farbenschimmemde Colibris prangen 
sollten. Aber ach, die beiden zarten Wesen 
wollten unter unserem rauhen Himmel nicht 
gedeihen, denn nin: die beiden Schweife der- 
selben waren kümmerlich gediehen, während 
ihre armen schwachen Leiber die Freuden 
des Daseins nie erfuhren. Es hätte allerdings 
im Bereiche der Möglichkeit gelegen, dass 
sie wie jene treue Gattin und brave Haus- 
frau, die Homer besungen hat, dass sie wie 
Penelope bei Nacht wieder auftrennte, was 
sie tagsüber geschaffen, allein es erscheint 
dies nicht ganz wahrscheinlich, da sie sich 
eines äusserst gesunden Schlafes erfreute. 

Trotz allem dem blieb noch eine unsagbare 
Oede in ihrem Herzen und sie fühlte sich immer 
mehr vereinsamt. Sie wollte sich einen KJng 
Charles anschaffen, um wenigstens ein Wesen 



— 19 — 

um sich zu haben, das mit Treue an ihr hing, 
aber die Schoosshündchen kläffen und Lärm 
verursachte ihr leicht Ohrensausen, Da hörte 
sie eines Tages eine Nachtigall schlagen. Ja, 
das war es, was ihr fehlte, nur der schmel- 
zende Gesang Philomelens konnte ihre trau- 
rige Einsamkeit erheitern. Ihr Mann beeilte 
sich, eine Nachtigall zu kaufen und brachte 
ihr diese in einem prächtigen Käfig. Ach, 
wie glücklich sie war, wenn die Nachtigall 
schlug! Es war ihr dann, als würde ihr Herz 
freier imd als löse sich ihre Wehmuth in den 
herrlichen Tönen auf und verklänge mit diesen. 
Sie wollte Niemandem die Sorge für ihre me- 
lodische Trösterin überlassen und fütterte sie 
täglich selbst mit Mehlwürmern, sie gab ihr 
alle möglichen Kosenamen, aber eines Tages 
lag die Nachtigall todt in ihrem Käfige. Die 
unglückliche Leonie hatte nämlich durch drei 
Tage vergessen, sie zu futtern, aber daran 
war ihr empfangliches Gemüth schuld, denn 
sie hatte einen neuen französischen Roman 
gelesen und war empört über die realistische 
Herzlosigkeit, mit der der Dichter die Heldin 
geschildert hatte. „Nein, so sind die Frauen 



— 20 — 

nicht!" rief sie, und las immer ergrimmter 
weiter und weiter und darüber war ihre Nach- 
tigall verhungert, Sie wollte jetzt nichts mehr 
wissen weder von Nachtigallen, noch von an- 
deren Singvögeln, sie sah es ein, wie sie seuf- 
zend sagte, dass das Schicksal ihr nicht ein- 
mal den Trost des armseligsten Handwerkers 
gönne, der sich an dem Gesänge eines un- 
schuldigen Vögleins in seiner Werkstätte er- 
getze. 

Herr von Malzau befand sich bei dem 
reichen Seelenleben seiner Frau recht wohl, 
sein Gesicht wurde noch röther und sein 
Leibesumfang wuchs fort. Da aber auch der 
blendend weisse Nacken Leoniens immer 
üppiger wurde, konnte Niemand errathen, 
dass diese Ehe eine unglückliche sei. Ihr 
Mann hatte keine Ahnung, dass er sie nicht 
verstehe, und küsste noch immer mit der 
früheren Geläufigkeit jedes einzelne Grübchen 
ihrer schönen Hand, ja eigentlich entdeckte 
sie selbst ganz zufällig eines Vormittags, dass 
sie unglücklich sei, als sie einen wunder- 
schönen Schlafrock, den sie eben erhalten 
hatte, vor ihrem grossen Ankleidespiegel ver- 



— 21 



suchte. Sie seufzte, als sie ihren herrlichen 
Arm, ihre prächtigen Schultern und ihre 
unverstandenen schmachtenden Augen im 
Spiegel sah; je länger sie hinein schaute, 
desto mehr empfand sie ihre Verlassenheit, 
und sie war eine Stimde in Betrachtung ihrer 
selbst vor dem Spiegel stehen geblieben, so 
unglücklich fühlte sie sich. Es scheint, dass 
man einer Dame auch von rückwärts an- 
sehen kann, ob sie unglücklich sei. That- 
sache wenigstens ist, dass sie dem Spiegel 
auch den Rücken drehte, und sich somit umge- 
wandtem Kopfe lange betrachtete. Sie warf 
sich dann in einen Lehnstuhl und sah ver- 
zweifelt gegen die Decke, die von Makart 
gemalt war, drückte das Taschentuch vor 
die Augen, und als sie es wegnahm, war ihr, 
als hätte sie bitterlich geweint. Allein das 
Taschentuch war ganz trocken geblieben, 
und doch war es nicht etwa wasserdicht, 
sondern aus dem feinsten französischen Ba- 
tist. Ja, sie konnte es sich nicht länger ver- 
hehlen, sie war elend! Man ersieht daraus, 
dass Leonie wenigstens in ihren Anforderungen 



22 



an das •Elend sehr bescheiden war. Denn 
es giebt Leute, die auch in dieser Beziehung 
so übermässige Ansprüche erheben, dass sie 
von einem ordentlichen Elend Siechthum, 
Armuth oder andere Misshandlungen des Ge- 
schickes verlangen. Nach und nach bildete 
sich die schöne Legende in ihrem Kopfe, 
sie habe ihrem Manne ihre Jugend zum 
Opfer gebracht 4ind dieser habe sie schnöde 
verrathen, und sie brachte nunmehr, da sie 
sehr viel Geschmack besass, ihre Toilette 
mit dem Martyrium, unter dem sie litt, in 
entsprechenden Einklang. Aber ihr Maim 
war ein Barbar und verrieth nicht das ge- 
ringste Verständniss fiir die kleinen Nadel- 
stiche, die sie ihm von Zeit zu Zeit versetzte. 
Entweder wusste er nicht was sie meinte 
und schüttelte dann seinen grossen dicken 
Kopf, oder, wenn ihm ihre satirisch- elegi- 
schen Bemerkungen gar zu unsinnig dünkten, 
begnügte er sich: Närrchen! zu sagen und 
lachte dabei so aus vollem Herzen, dass 
Leonie sich solchem Stumpfsinne gegenüber 
hilflos fühlte. Leonie hatte mit sechsund- 



— 23 — 

zwanzig Jahren geheiratet und seitdem waren 
vier Jahre vorübergegangen, aber der Kummer 
hatte ihr selbst ihre Erinnerungen geraubt 
und sie glaubte daher, sie sei achtundzwanzig 
Jahre alt. 





m. 




Ieonie sass beim Klaviere und phan- 
tasierte, das heisst, während sie mit 
dem rechten Fusse sanft das Pedale 
berührte und die beiden Hände auf den 
Tasten ruhten und hin und wieder eine oder 
die andere erklingen Hessen , sann sie nach, 
welche Toilette sie heute Abend für das 
Theater machen sollte. Ihre Phantasie war 
gerade mit einem sanften Taubengrau be- 
schäftigt, als ihr der Besuch der Majorswittwe 
gemeldet wurde. Diese war in allen Salons 
der Ringstrasse heimisch, denn da sie die 
Wittwe eines verdienstvollen Officiers war 
und überdies sämmtliche Mitglieder ihrer Fa- 
milie dem Militärstande angehörten, hatte sie 
zahlreiche Bekannte in der Armee, und man 



— 25 — 

/ 
/ 

konnte daher bei ihr für einen Ball ein halbes 
Dutzend junger Officiere zum Tanzen und 
Wei bis drei höhere Stabsofficiere zur Aus- 
scnh^ückung der Wände bestellen, die sie 
zum besGmmten Termine pünktlich ablieferte. 
Man übersah aus dieser Rücksicht ihre Offen- 
heit, ihr ungezwungenes Benehmen und die 
oft peinliche Sorglosigkeit ihrer Ausdrucks- 
weise, die ihr durch den häufigen Aufenthalt 
in kleinen Garnisonen und den ausschliess- 
lichen Verkehr mit Soldaten daselbst zur 
Grewohnheit geworden war. Sie war dabei 
sehr verliebter Natur, meinte es mit Jeder- 
mann gut, war gef^g, wusste viel zu er- 
zählen und würzte ihre Plaudereien mit Bildern 
aus dem militärischen Leben und Citaten 
aus Schiller. Da sie überdies ausser ihrer 
Pension ein kleines Vermögen besass, und 
daher Niemandem zur Last fiel, unterhielten 
sich die Damen unter vier Augen, wenn Nie- 
mand sonst hören konnte, wie die Wittwe 
Alles bei seinem Namen nannte, sogar sehr 
gerne mit ihr, um sich zu erheitern, und oft 
noch lange, nachdem sie weggegangen war, 
zu lachen. Leonie jedoch, die, wie so viele 



— 26 — 

gefeierte Schönheiten, keinen Sinn für Humor 
hatte, nahm die Majorin sehr ernst mid ärgerte 
sich, nicht so sehr aus natürlichem Anstands- 
gefühle wie aus Stolz über den unpassenden 
Ton, den die Wittwe oft anschlug. 

Frau von Malzau erhob sich mit feier- 
licher Langsamkeit vom Klaviere und machte 
eine majestätische Handbewegung, um die 
Eintretende zu begrüssen. Diese war eine 
auffallend grosse, stark gebaute Blondine in 
der Mitte der Dreissiger Jahre mit sehr ge- 
färbtem Gesichte, grossen wasserblauen Augen 
und lebhaften Geberden. Sie ergriflf sofort 
die Offensive, indem sie Leonie bei beiden 
Händen fasste, an sich zog imd auf beide 
Wangen so stürmisch küsste, dass die Stellen, 
welche die Liebkosung empfangen hatten, 
noch geraume Zeit durch einen rosigen Hauch 
verrathen wurden. 

„Ach, was Sie für kühle Wangen haben*', 
rief sie, indem sie neben Leonie, die sich 
mit allen Anzeichen der Erschöpfung auf das 
Sofa gesetzt hatte, Platz nahm, „ich beneide 
Sie darum, denn die meinigen glühen immer, 
als wenn ich gerade von einem Manoeuvre 



— 27 — 

zurückkäme. Und wie hübsch Sie sind, Sie 
werden jeden Tag schöner! Und welche 
prächtige Frisur Sie wieder haben, nur Schade, 
dass die Scheitel so fürchterlich zerzaust sind. 
Ich weiss, das ist jetzt Mode, aber diese ist 
nicht nach meinem Geschmack, bei mir muss 
immer Alles glatt , gestrichen sein, kein 
Härchen darf aus dem Glied hervortreten; 
ich glaube, mir würde mit Ihrer Frisur kein 
Bissen schmecken, es würde mir immer 
vorkommen, als sei ich gerade aus dem 
Bett aufgestanden. Und was macht Herr 
Plunz?" 

Leonie, deren Gerechtigkeitsgefiihl durch 
die vollständig unbegründete Kritik ihrer 
Frisur gekränkt war, sah bei Nennung des 
Namens Plunz zur Decke empor, als wenn 
sie sich auf einen Herrn dieses Namens nicht 
zu erinnern vermöchte. 

„Ich glaube gar, fuhr die Wittwe fort, Sie 
können sich nicht mehr auf Ihren Mann be- 
sinnen und meiner ist mir noch immer un- 
vergesslich. Ja die Männer lernt man erst 
schätzen, wenn man sie nicht mehr hat.^' 

Leonie lächelte gezwungen. „Ich hörte den 



— 28 — 

Namen, den mein Mann einst führte, bevor 
ich noch seine Gattin war, gar nie, imd es ist 
daher kein Wunder, wenn er mir für den ersten 
Augent>lick ein bischen fremdartig klingt.^^ 

„Ach Gott, ich verstehe, aber ich kann 
wieder nicht alle die neuen Namen im Kopfe 
behalten, die meine alten Bekannten, seit sie 
geadelt wurden, sich beigelegt haben. Es ist 
ja eine ganze Kompagnie, und man müsste 
ein Gedächtniss wie ein alter Feldwebel 
haben, um sich sie zu merken. Und dazu kommt 
jetzt noch die Verwirrung durch die Gerichte, 
indem sie Viele, die erst vor Kurzem den Adel 
erhalten haben, verurtheilen, so dass die Armen 
diesen wieder verlieren und genau so heissen 
wie vorher, wie zum Beispiel der Herr von 
Brandau, der durch die Geschworenen wieder 
seinen früheren Namen Brandel zurückbe- 
kommen hat, und seit drei Monaten im 
Kriminal sitzf 

„Ich erfahre gar keine Neuigkeiten mehr", 
sagte Leonie ärgerlich, „seitdem ich so sel- 
ten in die Gesellschaft gehe, und wenn ich 
sie auch höre, so interessiren sie mich kaum'*, 
und dabei seufzte sie tief. 



— 29 — 

„Wie melancholisch Sie aussehen, ganz 
wie die Maria Stuart. „Eilende Wolken, 
Segler der Lüfte, wer mit euch wanderte, 
wer mit euch schifite!" Wissen Sie, was 
Ihnen fehlt, gute Leonie? Ein EÜnd, so ein 
recht schlimmer Junge, der immer schreit, 
und dem man in Einem fort die Nase putzen 
muss, und wenn man damit fertig ist, küsst 
man ihn ordentlich ab und da geht erst recht 
der Höllenlärm los." 

Leonie entsetzte sich bei dieser Schil- 
derung des Famüienglückes und machte mit 
beiden Händen eine abwehrende Bewegung. 
Aber die Wittwe beachtete es nicht und fuhr 
in ihrem Redeschwalle fort: 

„Ja, ein Kind! Mein armer Mann hat wohl 
einen schwachen Versuch in dieser Richtung 
gemacht, der aber leider ganz fehl schlug. Ach 
Gott, hätte ich nicht damals fausse couche 
gemacht, so wäre mein Manuel — denn so 
wollte ich meinen Sohn nennen, da ich mit 
meinem Manne einige Monate vorher gerade in 
der ,3raut von Messina" war — jetzt schon 
im zweiten Jahrgange der Wiener Neustädter 
Militärakademie. Ich würde ihm monatlich 



_ 30 — 

zehn Gulden Zulage geben, und alle Sonn- 
tage müsste er mich besuchen und bei mir 
speisen, und ich Hesse ihm einen echten Ri- 
sotto kochen, denn er würde ihn wahrschein- 
lich ebenüalls gerne essen, wie sein Vaten 
der sein Leben dafür gelassen hätte, mit 
recht viel Käse. Wie glücklich wäre ich! 
Mein armer Mann hat an jenem traurigen 
Tage fast noch mehr gelitten als ich. O, ich 
entsinne mich noch^ wie gerade, nachdem 
das Unglück geschehen war, Kanonenschüsse 
gelöst wurden, zum Zeichen, dass sich der 
Eisstoss in der Donau, von dem man eine 
Ueberschwemmung besorgte, in Bewegung 
gesetzt habe. Und da suchte mich mein 
Ma^n zu trösten und drückte meine Hand 
und sagte: Wenigstens bekommt der arme 
Bursche ein militärisches Leichenbegängniss! 
Und jetzt steh' ich einsam in der Welt ohne 
Mann, ohne Kind; ich bin zwar in der Leih- 
bibliothek abonnirt, aber da liest man immer 
nur, wie andere Leute heiraten, und kommt 
sich dann noch verlassener vor. Na, man 
weiss freilich nicht, was Alles geschehen 
kann, die Männer sterben ja nicht aus. Doch 



— 31 — 

ich vergesse ganz den Zweck meines Besuchs. 
Wissen Sie, dass unsere gemeinschaftliche 
Freundin, Frau Blum, sehr böse auf Sie ist, 
dass Sie schon seit so langer Zeit sich bei 
ihr nicht blicken liessen. Ich habe ihr ver- 
sprochen, Sie zu überreden, dass Sie wenig- 
stens am nächsten Empfangsabend, der der 
letzte in dieser Saison ist, bei ihr erscheinen. 
Es wird grossartig werden und der gediegene 
Musikkritiker, Doktor Brauser, der ein so 
grosser Musikkenner ist, dass ihm selbst die 
Patti nicht gefallen hat, hat ebenfalls zuge- 
sagt zu kommen und ein Feuilleton über den 
Abend zu schreiben. Der berühmte Schwap- 
pel hat nämlich eine Einladung für den 
Abend angenommen.'^ 

„Verzeihen Sie", sagte Leonie, schmerz- 
lich lächelnd, „aber ich führe ein solches 
Einsiedlerleben, dass ich noch nicht einmal 
von Ihrem berühmten Schwappel etwas ge- 
hört habe." 

„Was, Sie kennen nicht den Komponisten 
der „Berserker -Symphonie", die so gross- 
artig ist, dass sie nirgends aufgeführt werden 
kann? Und in allen Salons reisst man sich 



— 32 — 

um ihn, und unter den Damen herrscht nur 
eine Stimme darüber, dass er dämonisch ist. 
Er ist erst vor vier Wochen von Bayreuth 
zurückgekommen, wo er Richard Wagner 
besucht hat, und der Meister erklärte, 
Schwappel sei das grösste Genie nach ihm, 
so zwar, dass sich Wagner seine eigenen 
Kompositionen von ihm vorspielen Hess, die 
seit den „Meistersingern" erschienen sind. 
Denn was der Meister bis zu den Meister- 
singern geschrieben, sagte er Schwappel 
selbst, seien nur Jugendsünden. Nun das 
macht freifich nichts heutzutage, denn in allen 
Zeitungen kündigen sich ja die Aerzte zu 
Dutzenden an, welche die Folgen derselben 
kuriren. O, er wird auch Sie hinreissen, 
wenn Sie ihn sehen werden. Er hat raben- 
schwarzes Lockenhaar, das ihm in Folge 
des anstrengenden Klavierspiels immer über 
die Stime fällt; er ist ganz glatt rasiert, so 
dass man nicht weiss, ob er jünger oder 
älter aussieht, als er ist, und dunkle Augen 
hat er, ungeheuer interessant, wie die Sechs- 
pfiinder. Und dabei hat er ein so gutes 
Herz! Hätten Sie nur neulich gehört, wie er 



— 33 — 

Mendelssohn und Meyerbeer wegen ihrer 
verfehlten Leistungen bedauert hat, so dass 
ich selbst, die ich doch abgehärtet bin, Mit- 
leid mit ihnen empfunden habe. Einen reichen 
Freund hat er, von dem ist er unzertrenn- 
lich, denn die berühmten Männer brauchen 
immer Freunde, wie schon Schiller in der 
„Bürgschaft" sagt: „Ich lasse den Freund dir 
als Bürgen, ihn magst du, entrinn^ ich, er- 
würgen." Der Freund heisst Goldschein und 
gehört zwar dem auserwählten Volke an, 
aber er hat mir vor vierzehn Tagen bei einem 
Souper mitgetheilt, dass er an den jüdischen 
Ostern kein ungesäuertes Brot isst, weil er 
zum Wuotan übergetreten ist, das ist näm- 
lich ein altdeutscher Gott, der mit seiner 
Frau schlecht gelebt hat." 

„Eine der erhabensten Gestalten**, unter- 
brach sie Leom'e, „die Wagner geschaffen hat.** 

„Ja, derselbe. Goldschein war früher bei 
seinem Vater im Getreidegeschäft, aber seit 
dieser todt ist, ist er ebenfalls Komponist. Er 
hat wohl bis jetzt noch nichts komponirt, 
aber er fängt schon seit zwei Jahren eine 
Oper an. Nur kommt er damit nicht vor- 

3 



— 34 — 

wärts und leidet daher fortwährend, wie er 
mir gesagt hat, an inneren Kämpfen; das ist 
so eine Art Kolik, die alle Gei^ies haben. Er 
ist aber sonst ganz gesund und drei Jahre 
älter als ich, nur sehr klein und ein wenig 
schwächlich. Die Hauptrolle in seiner Oper 
wird, wenn sie fertig ist, eine nordische Jung- 
frau singen, wie bei Wagner, in dessen Opern 
auch die meisten Frauenzimmer Anfangs Jung- 
frauen sind. Sie heisst Schwanhilde, erinnert 
aber doch sehr an die Königin in Schiller's 
Don Carlos, denn sie soll einen König hei- 
raten, hat aber mit dessen Sohn ein kleines 
Verhältniss. Er muss überall sein, wo Schwap- 
pel ist, und er war auch mit ihm in Bayreuth 
beim Meister, der ihm verzieh, dass er ein Jude 
ist, da er glücklicher Weise drei Ablasszettel 
vorzeigen konnte, nämlich Patronatsscheine für 
das Bayreuther Theater, die er gekauft hat. Als 
sie vom Meister Abschied nahmen, um nach 
Wien zurückzureisen, war dieser gerade mit 
seiner Morgentoilette beschäftigt und probirte 
eben ein Frühstücksbarett. Goldschein bat ihn 
um ein Zeichen der Erinnerung, aber der 
Meister erklärte, er habe schon Alles, was er 



- 35 - 

entbehren könne, weggegeben, bis auf ein 
Paar alte Schlappschuhe, die er aber, weil 
das Vaterland so undankbar gegen ihn sei, 
dem Kensington -Museum in London zu ver- 
machen beabsichtige. Glücklicher Weise sah 
Goldschein auf dem Waschtisch eine alte, 
schon sehr abgebrauchte Zahnbürste liegen, 
die bat er sich aus und der Meister schenkte 
sie ihm endlich nach langem Bitten. Gold- 
schein beabsichtigte Anfangs, sich aus Ver- 
ehrung für den Meister jährlich einmal, näm- 
lich am Geburtstage desselben, die Zähne 
damit zu putzen, aber, später besann er sich 
anders und liess die Borsten, die noch vor- 
handen waren, herausnehmen und eine Uhr- 
kette daraus anfertigen, die er jetzt beständig 
trägt. Die berühmte Pianistin Fejerhazy, eine 
Schülerin Liszt's, hat die Reliquie in einem 
Wohlthätigkeits- Konzert öffentlich zuerst an 
ihre Brust gedrückt, die allerdings, unter 
uns gesagt, flach ist wie ein Exerzierfeld, 
und dann dreimal geküsst. 

Denken Sie nur, er ist ungeheuer in mich 
verbrannt. Nach dem Souper unlängst, von 
dem ich Ihnen erzählt habe, wo er nichts von 

3* 



- 36 - 

den ungesäuerten Broden wissen wollte, weil 
Wuotan auch die jüdischen Ostern nicht ge- 
halten hat, setzte er sich neben mich auf das 
Sofa und sprach gar nichts, sondern schielte 
nur fortwährend unter mein Kinn — ich war 
nämlich dekoUetirt, wie es im „Reitcrlied" 
von Schiller heisst, „die Brust im Gefechte 
gelüftet" — und seine Blicke waren so deut- 
lich, dass ich meine Pfeflfermünzbonbons neh- 
men musste, um nicht zu erröthen. Zu- 
fallig- erzählte ich in seiner Gegenwart, dass 
mir mein Rosaatlaskleid durch die Un- 
geschicklichkeit des • Fiakers beim Nach- 
hausefahren so zerrissen worden sei, dass 
ich es nicht mehr verwenden konnte und 
meiner Köchin schenkte. Und Tags darauf 
kommt er zu dieser und bietet ihr dreissig 
Gulden, wenn sie ihn ein so grosses Stück 
herunterschneiden lasse, als für ein Paar At- 
lashosen für ihn ausreiche. Die Köchin war 
damit einverstanden und jetzt trägt er mein 
Kleid als Hosen. Denn seit es bekannt ist, 
dass der Meister nur in Atlashosen und Atlas- 
schlafröcken komponirt, sind diese allen Wag- 
nerianern unentbehrlich geworden. Aber als 



— 37 — 

ich ihn wieder in Gesellschaft traf, nahm ich 
Revanche dafür, dass er mir so in's Kleid 
geschielt hatte und musterte seine Beine mit 
solcher Aufmerksamkeit, dass das Erröthen 
diesmal an ihm war. Der Arme, er könnte 
zehn Paar Atlashosen vertragen, und wäre 
noch immer nicht zum Jockey verdorben. 
Und ich hörte dann, wie er zu Schwappel, 
auf mich blickend, sagte: Ein Götterweib — 
eine Walküre! Und da doch Jeder gern 
wissen will, wie er aussieht, so ging ich in 
die nächste Vorstellung der „Walküre". Nun, 
ich bin mindestens um einen halben Schuh 
höher als die Walküre im Operntheater, dann 
ist sie beritten und führt auch immer ihr 
Pferd mit sich, während ich, wie Sie wissen, 
in die Infanterie geheiratet habe. Aber sonst 
war ich mit dem Vergleich ganz zufrieden." 

„Ich kann Sie nur", sagte Leonie, „be- 
dauern, dass Sie bloss die „Walküre" gehört 
haben, ich habe bisher keine Vorstellung des 
Nibelungenringes versäumt, es ist die einzige 
Freude, die mir noch geblieben ist. Gerade 
als Sie eintraten, spielte ich die herrliche 
Liebesscene zwischen Siegmund und Sieg- 



- 38 - 

linde," und Leonie lehnte sich zurück, schloss 
die Augen und lispelte: „O süsseste Wonne! 
Seligstes WeibI" 

„So," rief die Majorin^ „das war eine 
Liebesscene und als ich bei Ihrer Thüre war 
glaubte ich schon, der Klavierstimmer sei 
hier. Aber freihch, bei Wagner kann man 
darin nicht genug vorsichtig sein. Aber wo 
Alles liebt, kann Carl allein nicht hassen 
sagt Schiller in Don Carlos, und vielleicht 
werde ich auch noch einmal Atlashosen 
tragen." 

„O lieblichste Laute, denen ich lausche", 
hauchte Leonie. 

„Si^ wissen ja den ganzen Wagner aus- 
wendig, wie ich meinen Schiller. Doch es ist 
Zeit, dass ich gehe, der Mohr hat seine Ar- 
beit gethan, der Mohr kann gehen, wie es in 
„Fiesko" heisst. Sehen Sie, das schreibt 
dem Schiller Keiner nach. Der Othello von 
Shakespeare ist zwar auch ein Mohr, aber so 
etwas, wie der Mohr hat seine Arbeit gethan, 
der Mohr kann gehen, kommt im ganzen 
Trauerspiel nicht vor. Es ist so wahr, so 
aus dem Leben gegriffen, so Jedem aus der 



— 39 — 

Seele gesprochen. Ich kann sonst die Mohren- 
stücke nicht leiden und bevor ich einen Mohren 
heiraten würde, bliebe ich lieber Wittwe. Ich 
habe zwar kein Vonirtheil, aber es ist nur 
wegen der Kinder. Ich glaube, schwarze 
Kinder würden sie in einem Militärerziehungs- 
hause gar nicht aufnehmen, und sie haben 
auch Recht, ein schwarzer Lieutenant wäre 
zu auffallend. Nein, es geht doch nichts 
über einen weissen Mann. Also nicht wahr, 
Sie Ti^erden sich am nächsten Mittwoch den 
dämonischen Schwappel ansehen? Leben 
Sie wohl, ich werde es überall erzählen, dass 
die schöne Leonie kommt und der Salon 
wird überfüllt sein." 

„Ich werde, wenn ich so viel Gemüthsruhe 
finde, dass ich hoffen darf, der Gesellschaft 
nicht durch meine Laune zur Last zu fallen, 
kommen, vorausgesetzt, dass mein Mann 
nicht zu schläfrig sein wird." 

„O, ich kenne Ihren Mann zu gut," rief 
die Wittwe unter der Thüre, „er ist ein Duck- 
mäuser, er weiss schon, warum er so zeitig 
schläfrig ist," und dabei drohte sie schalk- 
haft mit dem Finger und schloss die Thüre 



50 rasch hinteT sich, dass der keusche, stra- 
fende Blick Leoniens nicht mehr die Majorin 
traf, sondern eine vollständig unschuldige Su- 
sanna im Bade, deren Bild sich an der Thür. 
wand befand. 



IV. 




ER Salon der Frau Blum war am Mitt- 
woch besuchter als an den früheren 
Empfangsabenden. Der Geist der 
Dame des Hauses sowie der Ruf ihrer Küche 
und die künstlerischen Genüsse aller Art, die 
geboten wurden, übten zwar stets ihren Zau- 
ber, aber diesmal hatte besonders die Neu- 
gierde, den dämonischen Schwappel zu sehen 
und zu hören, sowie die Sehnsucht, von ihm 
bezaubert zu werden, die Damen angezogen, 
während die Kunde, dass die schöne Frau 
von Malzau nach längerer Zurückgezogenheit 
wieder erscheinen werde, die Männerwelt an- 
gelockt hatte. 

Frau Blum fand in der Pflege der Kunst 
den Frieden der Seele wieder, den ihr eine 



— 42 — 

Reihe widriger Schicksale geraubt hatte. Ihr 
Mann war ein angesehener Grosshändler ge- 
wesen, dessen Unternehmungen jedoch vom 
Glücke nicht begünstigt wurden, bis er zwei- 
mal in Konkurs gerieth und so in den Besitz 
eines sehr bedeutenden Vermögens gelangte, 
das ihm erlaubte, künftighin nur auf die Pflege 
seiner angegriffenen Gesundheit bedacht zu 
sein. Sein Nervensystem war nämlich in 
Folge der vielen Schläge, die ihn getroffen 
hatten, vollständig zerrüttet worden und er 
führte deshalb seit drei Jahren, fern von dem 
trauten Kreise seiner Familie, das traurige 
Nomadenleben eines Kranken, der seine Zelte 
nur unter einem milden blauen Himmel auf- 
schlagen darf. Man sah ihn daher in Nizza, 
Vevey, Baden-Baden, Ostende u. s. w. und 
zwar stets in Gesellschaft einer schlanken 
brünetten Dame, deren Sonnenschirm und 
Mantille er trug, so dass man annahm, dass 
dieser die Pflege für den Leidenden anver- 
traut sei. Unglücklicher Weise sah das auf- 
opfernde Wesen einer Tänzerin aus der ersten 
Quadrille des Wiener Operntheaters zum Ver- 
wechseln ähnlich, die vor drei Jahren durch 



— 43 — 

ein Fussleiden, wie es hiess, gezwungen wor- 
den war, ihrer Kunst für einige Zeit zu ent- 
sagen. So fanden sich denn einige Leicht- 
gläubige, für die es feststand, Herr Blum 
sei mit jener Quadrillekünstlerin damals aus 
Wien durchgegangen und die Füsse der Bal- 
lerina bedürften ebensowenig der Schonung, 
wie die Nerven des Grosshändlers. Der Ehe 
der Frau Blum war nur ein Knäblein ent- 
sprossen, das schon frühzeitig eine solche 
Entwicklung seines Schönheitssinnes verrieth, 
dass die Mutter es angezeigt fand, dessen 
weitere Ausbildung einem höheren Pensio- 
nate zu überlassen, um von den unausge- 
setzten Beschwerden ihrer Dienstmädchen und 
Köchinnen über die Zudringlichkeiten des 
munteren Knaben nicht weiter behelligt zu 
werden. 

Die Empfangszimmer der Frau Blum ver- 
riethen, dass die in neuester Zeit so modern 
gewordene ältere Kunst auch in dieser für 
alles Schöne so empfänglichen Frau eine 
eifrige Bewunderin gefunden hatte. Alle 
Räume waren nämlich mit Gypsabgüssen und 
anderen Nachbildungen berühmter Skulpturen 



— 44 — 

der Antike sowie der Renaissance ausge- 
schmückt. Die kunstsinnige Hausfrau hatte 
sich für die Auswahl der Kunstwerke sowie 
deren Anordnung des bewährten Beirathes 
eines Privatdocenten der Kunstgeschichte be- 
dient, welcher zu den ältesten Gästen ihrer 
Empfangsabende gehörte. Da den Vorlesun- 
gen desselben an der Universität nur vier Stu- 
denten beiwohnten und er dennoch von dem 
leicht begreiflichen Bestreben erfüllt war, einen 
grösseren Kreis andächtiger Zuhörer um sich zu 
sammeln, so besuchte er sehr gerne den Salon 
der Frau Blum, in welchem er immer eine oder 
die andere Dame zu finden gewiss war, die sich 
noch kein klares Urtheil über Michel Angelo 
oder Sansovino gebüdet hatte und daher seine 
Erläuterungen dankbar aufoahm, und wo er 
gleichzeitig einer verschämten Neigung zu 
Rheinlachsen und steirischen Kapaunen zu 
fröhnen in der Lage war. Dabei hatte Frau 
Blum mit feinem Takte Vorsorge getroffen, 
dass auch das empfindlichste Auge nicht durch 
gewisse, allerdings der Natur abgelauschte, 
aber nichtsdestoweniger verletzende Bestand- 
theile der Skulpturen beleidigt werde, indem 



- 45 - 

sie zwar auch dem Nackten ein Asyl in ihrem 
Kunsttempel gewährt, doch durch eine sin- 
nige Gruppirung von Blumen, Sträuchem und 
Bäumchen um dieselben, jede etwa gegen die 
Schamhaftigkeit gerichtete Spitze zu nehmen 
gewusst hatte. So machte ein hoher stach- 
liger Kaktus den Apollo von Belvedere auch 
weiblichen Bewunderem zugänglich, während 
an der verfänglichen Rückseite der Venus 
Kallipygos ein Lorbeerstrauch aufstrebte, so 
dass die schöne Göttin, indem sie den Kopf 
nach rückwärts wandte, nicht eine frivole Eitel- 
keit befriedigen, sondern einem naiven Er- 
staunen darüber Ausdruck geben zu wollen 
schien, jene Pflanze, die sonst nur ruhmreiche 
Stirnen beschattet, an einer für Ehrenbezei- 
gungen so wenig geeigneten Stelle wieder- 
zufinden. Wie gewöhnlich war auch heute 
der Privatdocent der erste Gast. Nachdem 
er die Hausfrau begrüsst hatte, sah er sich' 
um und sagte: 

„Ich bin heute, wie es scheint, der 
Erste, aber die Sorge um unseren sterbenden 
Fechter machte mich unruhig. Wie steht es 
mit ihm?" 






-V 



-. 46 - 

„Ich danke", erwiederte Frau Blum, „er 
ist schon wieder ganz hergestellt und sieht 
so gut aus wie früher. Die Chokolade hat 
ihm glücklicher Weise gar nicht geschadet." 

„Dass aber auch", rief der Privatdocent, 
unwillig den Kopf schüttelnd, „Frau Gerstner, 
da sie doch weiss, dass sie der geringfügigste 
Umstand zum Niesen reizt, in der unmittel- 
barsten Nähe eines solchen Kunstwerkes Cho- 
kolade trinken musste, ist wirklich unverzeih- 
lich." 

Er verbeugte sich und ging dann in. den 
Zimmern auf und ab, indem er die Hände auf 
den Rücken legte, vorsichtig umspähte und 
kleine, äusserst bedächtige und leise Schritte 
machte, Gewohnheiten, die er in Folge seiner 
häufigen Besuche von Museen und Gallerien 
den Aufsehern derselben abgeguckt hatte. 
Bald darauf trat ein alter pensionirter Oberst 
ein, den die Majorswittwe für den Abend 
und zwar mit der Uniform zugesagt hatte. 
Frau Blum drückte ihre Freude über das Er- 
scheinen eines Officiers aus, dessen ruhm- 
volle Thaten sie immer mit Bewunderung er- 
füllt hatten. Der Oberst hatte aber inzwischen 



V — 47 — 

die Uhr an der Wand scharf in's Auge ge- 
fasst und bemerkte in entschiedenem Tone: 

„Die Uhr geht zu langsam, es sind schon 
zwanzig Minuten über Acht!" 

Und dabei sah er die Hausfrau mit einem 
Blicke an, der verrieth, dass er durchaus 
nicht geneigt sei, sich hinter's Licht führen 
zu lassen. Er war nämlich gewohnt, um acht 
Uhr zu nachtmahlen, und er hatte die Ein- 
ladung der Majorin, gegen die er sich 
Anfangs mit Rücksicht auf die späte Stunde, 
zu der man beim Civil soupire, gesträubt hatte, 
erst angenommen, als ihm von der Wittwe 
versichert worden war, dass bei Frau Blum 
noch vor dem Souper, und zwar schon 
um neun ühr, ausgiebige Erfrischungen her- 
umgereicht würden. Die Hausfrau stellte den 
Obersten und den Privatdocenten einander 
vor, und der letztere wusste die Schritte des 
Kriegers in unauffälliger Weise derart zu 
lenken, dass sie plötzlich vor dem „Dorn- 
auszieher" standen. Er suchte jetzt in mög- 
lichst schonender Weise einen kleinen Vor- 
trag über dieses Kunstwerk zu beginnen, allein 
der Oberst besah dasselbe nur von rück- 



- 48 — 

wärts und machte hierauf, sichtlich enttäuscht, 
wahrscheinlich weil sich auch dort kein Büffet 
befand, schleunigst Rechtsum. Er warf sich, 
ohne sich um den Kunstgelehrten weiter zu 
kümmern, in einen Lehnstuhl, wo er in 
fieberhafter Ungeduld seinen riesigen Schnurr- 
bart drehte. 

Nach und nach begannen die Säle sich 
mit einer grösstentheils kunstsinnigen Gesell- 
schaft zu füllen. Von den beiden jungen 
Männern, die mit einander sprachen, ohne 
jedoch einander zuzuhören, war der Eine 
ein Arzt, der ein leidenschaftlicher Klavier- 
spieler war, und in Folge dessen, wenn er 
zu einem Patienten gerufen wurde, in hohem 
Grade zerstreut war. Eine Hofräthin, die ihn 
eiligst hatte holen lassen, weü sie besorgte, 
dass sie Mittags giftige Schwämme gegessen 
habe^ erzählte nachher, dass er, während er 
ihr angeblich den Puls gefühlt, mit seinen 
Fingern heimlich den Rakoczymarsch auf 
ihrem Arme gespielt habe. Der Andere war 
ein Advokat, der bisher vergebens Lustspiele 
gedichtet, vor Kurzem aber das Glück gehabt 
hatte, dass eines derselben in Brunn aufgeführt 



— 49 — 

wurde, und, da seine Schwester an einen der 
hervorragendsten Tuchfabrikanten daselbst 
verheiratet war, einen Achtungserfolg errang. 
Der beleibte Schnellsegler, der in solcher 
Aufregung durch die Säle eilte und eine Dame an 
seinem Arme mühsam nachschleppte, war ein 
Reichstagsabgeordneter, ein sehr reicher Spinn- 
fabrikant und leidenschafdicher Schutzzöllner, 
*■ der ein Sendschreiben an den Handelsminister 
unter dem Titel: Wir verhungern! veröffentlicht 
hatte. Er remorquirte seine Gattin zu einem 
Lehnstuhle, die, obwohl sie schon vierzig Jahre 
alt war, erst begonnen hatte, Gesangsunterricht 
zu nehmen, eine Neigung, welche ihr Mann 
eifrigst unterstützte, da nach seiner Ansicht 
auch die inländischen Stimmen, sowie andere 
Erzeugnisse des Inlandes, desto dringender 
der Pflege und des Schutzes bedürften, je 
mehr es ihnen an den natürlichen Bedingungen 
der Entwicklung fehlte. Das magere Fräulein 
mit langen Locken war eine beliebte Schrift- 
stellerin, die für sämmtliche deutsche Wochen- 
blätter Artikel über die Gewohnheiten der 
Stubenfliegen schrieb. Ihre Gesichtszüge 

drückten eine gespannte Aufmerksamkeit aus 

4 



— So- 
und sie hatte den Kopf nach der Seite ge- 
neigt, eine Körperhaltung, die ihr in Folge 
eines langjährigen Belauschens des Summens 
der Fliegen eigenthümlich geworden war. 
Auch ein Liebling der Salons, ein Ministerial- 
sekretär, war anwesend, der die Geberden 
und Stimmen der Hofschauspieler nach- 
ahmte, und erst vor Kiu*zem in einer Gesell- 
schaft, in der sich auch sein Minister befand, 
einen Komiker des Burgtheaters so treffend 
imitirt hatte, dass die Ueberzeugung allge- 
mein war, er werde nächstens in die Stelle 
eines Sektionsrathes vorrücken. 

Der sanfte Terpentingeruch, der sich ver- 
breitete, rührte von einem Maler her, der für die 
Provinzstädte AUegorieen malte. Frau Blum 
selbst war ihm zu einer Themis gemessen imd 
thronte jetzt mit verbundenen Augen, ein 
Schwert in der einen imd eine Waage in der 
anderen Hand, in einem galizischen Schwur- 
gerichtssaale. Auch die Majorswittwe, die eben 
hereingerauscht war, und deren Anwesenheit 
sich durch die Küsse verri^th, von denen alle 
Räume widerhallten, hatte er verewigt, und 
diese zierte als Göttin der Gesundheit den 



— 5i — 

Versammlungssaal eines böhmischen Apo- 
thekergremiums. Schade, dass sein Blick 
nicht auf den Mann mit zerzaustem Haare 
und Barte und in höchst verwahrloster Toi- 
lette fiel, der unbeweglich, die Arme über die 
Brust gekreuzt, gerade vor der Eingangsthüre 
stand und dort demonstrativ nachdachte. 
Er hätte ihn für eine allegorische Darstellung 
der Verkehrshindernisse vortrefflich benutzen 
können. Es war ein Germanist, der es sich 
zur Lebensaufgabe gemacht hatte, die bisher 
für richtig gehaltenen Angaben über die Ge- 
burtsorte der Minnesänger als irrige nachzu- 
weisen, und eben wieder in einer Abhandlung, 
die er der Wiener Akademie der Wissen- 
schaften überreicht hatte, darzuthun bemüht 
war, dass Walther von der Vogel weide in 
Sievring bei Wien das Licht der Welt erblickt 
habe. Er war nebenbei einer der eifrigsten 
Anhänger des jüngsten Minnesängers, Richard 
Wagner's, und hatte zur Feier des letzten 
Geburtstages desselben eine Festschrift ver- 
öffentlicht, in welcher er die Behauptung 
widerlegte, dass Wagner in dem Hause am 
Brühl in Leipzig, das eine Gedenktafel da- 

4* 



— 52 — 

selbst als sein Geburtshaus bezeichnet, ge- 
boren worden sei. Der Brühl sei nämlich 
seit jeher das eigentliche Judenviertel Leipzigs 
gewesen und man könne unmöglich die Ge- 
burtsstätte des glorreichsten Bekämpfers der 
Juden seit Kaiser Titus dorthin verlegen, 
wenn man nicht der Ansicht einiger Wider- 
sacher des Meisters beipflichten wolle, dass 
dieser selbst jüdischer Abstammung sei. 

Der Baron mit der Riesenglatze, die selbst 
bei den Ballethabitu^s des Opernhauses jedes 
Mal Staunen erregte, war ein Beschützer der 
Künste. Er wurde allgemein als der legitime Ur- 
heber eines dreimonatlichen Unwohlseins einer 
beliebten Vorstadtschauspielerin anerkannt, 
und Hess sich gerade dem Allegorieenmaler 
vorstellen, den er fragte, wie viele Sitzungen 
nach dessen Ansicht für das Porträt eines 
neugeborenen Kindes noth wendig seien? 

Plötzlich sprang Frau Blum, die mit der 
Gattin des Direktors einer Taubstummen- 
anstalt in einen freundschaftlichen Streit über 
ein Salzfass des Benvenuto Cellini verwickelt 
war, vom Sofa auf, und eilte dem eintreten- 
den Doktor Brauser entgegen, dem gefürch- 



- 53 - 

teten Musikkritiker und Feuilletonisten. Sie 
nahm ihm das Packet Bücher ab, das er jedes 
Mal, wenn er eine Gesellschaft besuchte, 
unter dem Arme trug, hing sich dann an 
seinen Arm, und während sie ihn durch alle 
Säle geleitete, flüsterte sie ihm vertraulich in 
das so musikverständige Ohr: 

„Nun, ich denke, Sie werden heute Stoff 
für ein sehr geistreiches Feuilleton haben. 
Ich habe es an Nichts fehlen lassen, Sie 
finden Alles was Sie brauchen." 

Schon hatte der Bediente dem pensionir- 
ten Oberst, dessen Gesichtszüge statt des 
bisherigen energischen, fast wilden Charak- 
ters den milden Ausdruck eines halbsatten 
Greises angenommen hatten, zum vierten 
Male belegte Butterbrode gereicht, und noch 
immer waren die beiden Magnete der Gesell- 
schaft: Leonie und Schwappel, nicht erschie-. 
nen. Aber endlich trat die schöne Frau am 
Arme ihres Mannes ein. Sie trug ein dunkles 
Seidenkleid und hatte ein Bouquet von be- 
scheidenen Scabiosen in der Hand. Sie sah 
aus wie eine elegante schöne Wittwe, die 
nach beendigtem Trauerjahre wieder in die 



- 54 - 

Gesellschaft geht und deren Gesicht noch die 
letzten Spuren des Grames verräth, der einer 
traurigen Vergangenheit angehört, aber auch 
schon das Aufblühen eines Lächelns, mit 
dem man zukünftigen Triumphen entgegen- 
sieht. Sie war bezaubernd. Sie sah die 
glänzenden Blicke der Männer auf ihrer Ge- 
stalt ruhen, sie hörte alle die Schmeichel- 
ausdrücke der Bewunderung und roch zu 
ihrem Bouquet, Aber sofort drängten sich 
alle Damen, die sie kannten, an sie heran, 
um sie zu begrüssen und zu verhüten, dass 
sie allein die Huldigungen der Männer ab- 
sorbire. Der Maler von Allegorieen für die 
Provinz aber rief, als er sie erblickte: 

„Gott sei Dank, da hätte ich ja das 
Vertrauen gefunden, das die Sparkasse in 
Arad bei mir bestellt hat!" 

Doch mit einem Male wandten sich die 
Köpfe der Anwesenden gegen die Thüre, an 
deren Schwelle Schwappel mit zwei Beglei- 
tern erschienen war. Nachdem dieser sein 
Haar mit der Hand leicht aufgelockert hatte, 
warf er einen Blick auf die Gesellschaft — 
dämonisch, aber müde. Es herrschte eine 



— 55 — 

weihevolle Stille, allein plötzlich hörte man 
ein lautes Niesen, das sich wiederholte und 
nach einer kleinen Pause von Neuem los- 
platzte. Alles sah Frau Gerstner an, und sie 
war es auch in der That, die dreimal nach 
einander geniest hatte. Ihre Nasenschleim- 
häute waren nämlich nicht nur für physische 
Reizungen sehr empfindlich, sie wurden auch 
durch seelische Vorgänge erregt und ihre 
Bewunderung SchwappePs verursachte ihr 
einen Kitzel in der Nase, dem sie nicht zu 
widerstehen vermochte. Frau Blum war ent- 
rüstet über diese prosaische Störung der all- 
gemeinen Andacht, aber sie fühlte in diesem 
Augenblicke zu ^ross, um ihren Aerger nicht 
sogleich zu unterdrücken. Sie empfing Schyap- 
pel, der auf sie zugetreten war, enthusiastisch. 
Da der eine seiner Begleiter, Herr Goldschein, 
Frau Blum bereits bekannt war, stellte er nur 
den anderen vor, einen grossen und starken 
Mann, den Menschenkenner auf den ersten 
Blick fLir einen Schmiedegesellen gehalten 
hätten. Aber die Menschenkenner würden 
sich lächerlich gemacht haben, denn es war 
Herr Straubinger aus Passau, welcher erst 



— 56 — 

vor wenigen Tagen mit einer warmen Em- 
pfehlung des Meisters, der ihn fiir den gröss- 
ten lebenden Sänger des Wuotan erklärte, 
nach Wien gekommen war. Schwappel's Brust 
war mit dem persischen Sonnenorden ge- 
schmückt. Er hatte diesen während der 
Anwesenheit des Schah in Wien für die Wid- 
mung einer „Hymne an Ormuzd" erhalten, 
in der den fremdländischen Monarchen na- 
mentlich das Hammelgeblöke, das darin mu- 
sikalisch wiedergegeben war, tief ergriffen 
hatte. Goldschein trug nur das bescheidene 
Bändchen des tunesischen Nischan-Iftikhar- 
Ordens, den ihm sein Schneider, dessen Bru- 
der Leibkoch des Bey von Tunis war, ver- 
schafft hatte, während Straubinger's Frack eine 
Medaille zierte, die er als Belohnung für die 
Lebensrettung des Schosshündchens einer 
bairischen Prinzessin, das in einen Bach 
gefallen war, bekommen hatte. 

Schwappel gab selbstverständlich dem 
Flehen der Hausfrau, die Gesellschaft durch 
sein Spiel zu entzücken, nur mit Widerstreben 
nach und versprach, eine Kleinigkeit selbst zu 
spielen und sodann Straubinger, der bereit sei. 



- 5; - 

ZU singen, und zwar zum ersten Male in Wien, 
auf dem Piano zu begleiten. Frau Blum war 
sehr gerührt; sie habe immer, rief sie, für 
die Kunst zu wirken gesucht, aber der Lohn 
sei weit grösser als ihr Verdienst, denn mit 
dem heutigen Abend werde von ihrem Salon 
aus eine neue Periode in der Geschichte der 
Musik beginnen. Frau Blum ergriflf den Arm 
SchwappeFs, die Majorswittwe hatte schon 
früher von jenem Goldschein's Besitz genom- 
men, und die Gesellschaft verfügte sich in 
den Konzertsaal. Nur das Fräulein, das die 
Gewohnheiten der Stubenfliegen in sämmt- 
lichen deutschen Wochenblättern beschrieb, 
war zurückgeblieben und in tiefen Betrach- 
tungen vor einer Herkulesstatue stehen ge- 
blieben. Auf eineip Lendenmuskel des Halb- 
gottes sass nämlich eine Fliege, die sich 
einige Male, vielleicht weil sie etwas ver- 
schlafen war, mit einem der Füsse über den 
Kopf fuhr. Vielleicht werden sämmtliche 
deutsche Wochenblätter schon bald die Mit- 
theilung bringen, dass die Stubenfliegen auch 
satirische Gewohnheiten haben. Denn die 
Fliege trat, als sie sich beobachtet sah, mit 



— 58 — 

einem Male eiüen Spaziergang nach abwärts 
an, so dass das Fräulein die Feigenblätter 
eines Orangenbäumchens behutsam bei Seite 
schieben musste, um das Treiben der Fliege^ 
weiter beobachten zu können. Nachdem der 
Fliege dieser unzarte Scherz gelungen war, 
flog sie heiter davon. 

Frau Blum hatte zur Feier der neuen Pe- 
riode in der Geschichte der Musik auch mit 
ihren bisherigen Tendenzen in der bildenden 
Kunst gebrochen, indem sie der modernsten 
Plastik die Pforten des Konzertsaales geöffnet 
hatte. In der Mitte desselben befand sich 
nämlich die Büste Wagner's aus Gyps auf 
einem hohen Postamente, das trotz seines un- 
verfänglichen Karakters ebenfalls mit Blumen 
verhüllt war. Frau Blum nahm einen Lor- 
beerkranz mit einer grossen weissen Kokarde, 
der auf dem Piano lag, und bekränzte unter 
dem lebhaften Beifalle • der Gesellschaft den 
schwefelsauren Kalk, der die Züge des Meisters 
trug. Goldschein trat vor das Klavier und ver- 
beugte sich dreimal im Namen des abwesen- 
den Dichterkomponisten. Nachdem er unter 
erneutem Beifalle, an dem sich die Majors- 



- 59 - 

wittwe diesmal besonders lebhaft betheiligte, 
auf seinen Platz zurückgekehrt war, setzte 
sich Schwappel zum Klaviere. Er legte 
die Hände neben einander auf die Tasten, 
zog die Schultern ein und beugte den Ober- 
leib so weit nach vorne, dass die Haare auf 
die Tasten niederfielen. Ein Fremder, der 
eingetreten wäre, hätte geglaubt, es sei Je- 
mand während des Klavierspielens einge- 
schlafen. Aber es war nur der Klaviertiger, 
/ der zum Sprunge ausholte. Denn mit einem 
Male richtete er sich auf, seine Züge ver- 
zerrten sich, sein Auge rollte, er blähte die 
Nüstern, als gälte es, einen Sturm aus der 
Nase zu blasen, zeigte seine weissen Zähne, 
fasste das Pedal mit den Füssen, als wollte 
er es zertreten, hob die Hände bis über den 
Kopf, fiel mit gierigen Krallen über das • 
schöne, schlanke, edelgebaute Klavier her, 
und nun begann ein musikalisches Zerfleischen 
— jedoch ntfr eines dritten Ranges. Keiner 
wusste, ob das Beethoven, Berlioz, Wagner, 
eigene Komposition oder bloss geniales Prä- 
ludiren sei. Selbst Doktor Brauser wusste es 
nicht und fixirte die Wand gegenüber. Aber 



— 6o — 

auch dort befand sich kein gedrucktes Pro- 
gramm mit dem Namen des Komponisten. 

Leonie sass neben ihrem Manne, sie hörte 
gar nicht, was gespielt wurde, aber blickte 
von Zeit zu Zeit das Gesicht des Spielers an, 
denn der tobende SchwäcWing mit dem Ge- 
berdenspiele eines Athleten interessirte sie. 
Man findet in den Salons höchstens elegante, 
witzige oder sentimentale, aber sehr selten 
leidenschaftliche Menschen. Leonie hatte nie 
einen solchen Mann kennen gelernt und sie 
hielt Schwappel dafür. Dieser kam ihr auch 
hübsch vor, freilich war er schwarz, schwäch- 
lich und blass, während ihr Mann, auf den 
sie hin und wieder verstohlen blickte, blond, 
breit und roth war, 

Goldschein zog die Manschetten hervor, 
höhlte die beiden Hände und trat an Schwappel 
heran, woraus die Gesellschaft entnahm, dass 
das Klavierstück seinem Ende entgegen gehe 
und, um zu zeigen, dass ihr dies bekannt sei, in 
einen Beifallssturm ausbrach, Schwappel raste 
noch einmal über die Tasten, es fiel ein Faust- 
schlag auf diese nieder, darauf kam ein Pia- 
. nissimo, dann tupfte er mehrere Male auf 






— 6i — 

eine Taste und nach einer Pause noch ein 
einziges Mal und sank erschöpft zurück. Gold- 
schein zog ein Taschentuch aus der Brust 
und nachdem er es dem Freunde gereicht 
und dieser sich damit das Gesicht abge- 
trocknet hatte, entfaltete er es sorgfältig und 
betrachtete es andächtig. Aber es passiren 
in unserer Zeit keine Wunder mehr, das Ge- 
sicht Schwappel's war auf dem Taschentuche 
nicht abgedrüdct, wie jenes Christi auf dem 
Schweisstuche der heiligen Veronika. 

Die Damen bildeten einen Kreis um 
Schwappel und überhäuften ihn mit allen jenen 
Adjektiven des Entzückens, die in den Konzert- 
sälen schon längst das- Bürgerrecht erlangt 
haben. Doktor Brauser hatte inzwischen durch 
glückliches Laviren von Goldschein erfahren, 
dass das vorgetragene Musikstück „der Galopp 
der Berserkerbräute" aus Schwappel's Sym- 
phonie war. Er trat daher auch in den Kreis 
ein und erklärte, dass in der Komposition 
Schwappel's wohl der Geist Wagner's wehe, 
sowie dies in allem wirklich Grossen, das wir 
in der Musik noch fernerhin zu erwarten 
hätten, der Fall sein werde, allein mit Aus- 



— 62 — 

nähme der Stelle Diridiridiri, die leise an den 
Walkürenritt des Meisters mahne, verrathe 
jeder Takt die Selbständigkeit des Genies. 
Er staune über die Grossartigkeit det Har- 
monie, die nirgends an melodischer Kurz- 
athmigkeit kranke. Allerdings habe er die 
Berserkersymphonie zu Hause auf dem Kla- 
viere durchgespielt, aber er schäme sich 
durchaus nicht, einzugestehen, dass ihm erst 
durch den meisterhaften Vortrag des Kom- 
ponisten das wahre Verständniss erschlossen 
worden sei. Nach seiner Ansicht hätte die 
in ihrer Art einzige Stelle Dadaramdamdam, 
wo man die Berserkerbräute beinahe stram- 
pfen zu hören glaube, nur gewinnen können, 
wenn sie noch mehr presto gespielt worden 
wäre. Doch seien dies kleine Bedenken, die 
er nur äussere, weil das Lob des Kritikers 
desto mehr wirke, wenn man erkenne, dass 
dieser auch mit der unangenehmen Wahrheit 
nicht zurückhalte. Schwappel, der die Kritik 
berufsmässig aufs Tiefste verachtete, war 
doch zu vornehm, dies den starkgelesenen 
Musikkritiker fühlen zu lassen, und er erwie- 
derte, er sei stolz darauf, eine solche Wür- 



- 63 — 

digung erfahren zu haben, obwohl von einem 
Manne, wie Doktor Brauser, dem die neue 
Musik es verdanke, dass ihr die Wege in 
Wien geebnet wurden, eine Unterstützung 
jedes ernsten Strebens in dieser Richtung er- 
wartet werden durfte. Was die Bemerkung 
bezüglich des Vortrages betreffe, so sei er 
überrascht von der Schlagfertigkeit, mit wel- 
cher Doktor Brauser das grösste Gebrechen 
desselben herausgefunden habe und er könne 
ihm nur zum grössten Danke verpflichtet sein, 
dass er ihn hierauf aufmerksam gemacht habe. 
Eine solche Kritik sei wahrhaft produktiv, 
indem sie nicht nur tadle, sondern auch 
andeute, wie ein Fehler wieder gut zu* 
machen sei. 

Während in dieser Weise Kunst und 
Kritik einander huldigten, hatte die Majors- 
wittwe den Lorbeerkranz von der Büste Wag- 
ner's abgenommen und, indem sie sich hinter 
Schwappel schlich, drückte sie ihm denselben 
jetzt aufs Haupt. Nur hatte sie ihm in der 
Eile den Kranz verkehrt aufgesetzt, so dass 
sich die weisse Atlaskokarde auf der Stirne 
befand und die langen Bänder über das Ge- 



— 64 - 

sieht fielen, ein Schauspiel, das die gehobene 
Stimmung der Gruppe mit einem Male in eine 
nur schlecht verhehlte Heiterkeit verwandelte. 
Der dämonische Schwappel war wüthend, 
denn er glaubte Anfangs, einer jener Spass- 
Vögel, die so gerne in den Konzertsälen 
nisten, habe ihm eine Frauenhaube aufgesetzt, 
und erst als er die vermeintliche weibliche 
Kopfbedeckung sich vom Kopfe riss und 
den Lorbeerkranz sah, fand er seinen dämo- 
nischen Gleichmuth wieder. Frau Blum war 
ausser sich und sagte händeringend zur Ma- 
jorswittwe, der es schmeichelte, ebenfalls zur 
Erheiterung der Gesellschaft beigetragen zu 
haben: 

„Sie wissen, wie sehr ich Ihre vielseitige 
Begabung schätze, aber in das Labyrinth der 
Kunst sollten Sie sich nie verirren. Die 
Kränze sind nicht so einfach wie sie aus- 
sehen und Alles will gelernt sein, liebste 
Freundin." 

Der junge Arzt aber, der eine Lustspiel- 
begabung für Brunn hatte, rieb sich freudig 
die Hände, denn die Bekränzung, die er eben 
mit angesehen hatte, war ein äusserst wirk- 



— 65 — 

samer Aktschluss, der in jedem, nicht nur im 
Brünner Theater, ein schallendes Gelächter 
hervorrufen musste. Die Hausfrau war be- 
strebt, den peinlichen Eindruck dieser Szene 
so schnell als möglich zu verwischen und 
traf rasch die Vorbereitungen für die Fort- 
setzung des Konzertes. Goldschein verkün- 
dete, dass Straubinger den Schlussmonolog 
Wuotans aus der „Walküre" vortragen und 
Schwappel ihn begleiten werde. Während 
Schwappel sich wieder im Vollbesitze seiner 
genialen Abspannung zum Klaviere setzte, 
machte sich Goldschein um den Sänger zu 
schaffen. Er besah ihn von vorne und hinten, 
er lockerte ihm, mit beiden Armen dessen 
Hüften umschlingend, hinter dem Fracke die 
Westenschnalle, dann steckte er ihm, sich 
auf den Fussspitzen erhebend, zwei Finger 
zwischen den Hemdkragen, um zu unter- 
suchen, ob die Kehle nicht zu eingepresst 
sei, und endlich flüsterte er ihm etwas ins 
Ohr, worauf Straubinger mit dem Kopfe 
nickte und ihm sein Sacktuch zeigte. Und 
nun verfügte sich Goldschein auf die andere 
Seite des Klaviers neben Schwappel, und der 

5 



— 66 — 

Passauer Sänger begann, indem er die vierzig- 
jährige Gesangsnovize fixirte: 

„Leb^ wohl, du kühnes herrliches Kind! 
Du meines Herzens heiliger Stolz, leb' wohl! 
leb' wohl!" 

Schon nach diesem dreimaligen „Leb' 
wohl" des Gottes erhob sich ein stürmisches 
Beifallsklatschen, denn das war keine Men- 
schenstimme mehr, es war das Lebewohl eines 
Ochsen, der zur Schlachtbank geführt wird. 
Der Sänger hielt während des Vortrages den 
rechten Arm steif ausgestreckt, um den Speer 
anzudeuten, von dem sich bekanntlich der 
Wuotan Wagner's niemals trennt. Nur als 
die Stelle kam, in der Wuotan Brünhilden 
einen Bräutigam in Aussicht stellt, „der frder, 
als ich, der Gott", und diese sich ihm, er» 
freut über diese unerwartete Ueberraschung, 
„gerührt und entzückt in die Arme wirft", 
bückte sich Straubinger, spreizte die Füsse 
weit auseinander und beschrieb" mit beiden 
Armen einen so weitläufigen Kreis, dass aus 
der ganzen Umarmungspantomime hervor- 
ging, er stelle sich Brünhilde als ein unter- 
setztes Frauenzimmer von aussergewöhnlicher 



- 67 — 

Beleibtheit vor. Auch zum Schlüsse gab er 
noch eine Probe seiner schauspielerischen 
Begabung, denn, nachdem er, um von Brün- 
hüde „die Gottheit zu küssen", diese „auf 
beide Augen küsst", war sein Spiel von sol- 
cher realistischer Wahrheit, dass man die 
beiden Schmätze noch im nächsten Zimmer 
hörte. Die Majorswittwe war ausserordentlich 
ergriffen und flüsterte der neben ihr sitzen- 
den Frau Gerstner zu: 

„Ganz wie mein Seliger, als er wegen 
der Bildung eines Grenzkordons in der Buko- 
wina gegen die Rinderpest von mir Abschied 
nahm !" worauf Frau Gerstner, um ihre Rührung 
zu verbergen, den Fächer vorhielt und hinter 
demselben ergriffen nieste. 

Nachdem der Vortrag beendet war, wurde 
der Sänger auf's Wärmste beglückwünscht, so 
dass Goldschein hinauseilte, um diesen ersten 
entscheidenden Erfolg des besten Wuotan- 
sängers in Wien dem Meister zu telegrafiren. 
Doktor Brauser war des Lobes voll über den 
Sänger und sprach einige gehaltvolle kritische 
Worte über dessen Ansatz, Mittellage und 
Athemholen. Er theilte ihm mit, dass er als 

5* 



— 68 — 

Fachmann sich auch für den anatomischen Bau 
des Stimmorgans interessire, wie er denn auch 
in der That die Stimm Werkzeuge der» grössten 
Sänger und Sängerinnen, die er zuhören in der 
Lage war^ genau besehen und untersucht habe. 
Selbstverständlich müsste es für ihn von 
höchstem Werthe sein, in gleicher Weise den 
Kehlkopf des ersten Wuotansängers zu besich- 
tigen, um vergleichende anatomische Unter- 
, suchungen anstellen zu können, und er ersuche 
diesen daher, den Mund so weit als möglich 
öffnen zu wollen. Straubinger wusste die ihm 
zugedachte Ehre zu würdigen und sperrte den 
Mund so weit auf, dass einige nervöse Damen 
zu schreien begannen. Doktor Brauser nahm 
den Handleuchter, den man ihm gebracht 
hatte, hielt ihn gegen den Mund des Sängers 
und murmelte vor sich hin: j,Ganz wie ich 
es mir gedacht habe", dann sah er ihm in 
den Hals, wobei er mehrere Male den , her- 
vorstehenden Adamsapfel des Sängers mit 
dem Zeigefinger rieb. Die Majorswittwe sagte 
leise zu Frau Blum: 

„Ein Sänger kann sich das gefallen lassen, 
aber wenn ich Sängerin wäre, Hesse ich mir 



- 69 - 

von einem fremden Manne nicht so tief in 
den Hals hineinschauen", worauf die Ange- 
sprochene schlagfertig wie immer erwiederte: 

„Die Kunst, liebe Majorin, hat kein Ge- 
schlecht!" 

Endlich zog der Kritiker den Kopf zu- 
rück, drückte die Hand des Sängers, und rief: 

„Ganz phänomenal!" 

Hierauf nahm er ein Notizbuch aus der 
Brusttasche und schrieb in dasselbe einige, 
wahrscheinlich anatomische Bemerkungen, 

„Ich begreife nicht", sagte Herr von 
Malzau zu Leonie, „wie man von diesem 
Sänger entzückt sein kann, freilich langweilt 
mich auch der ganze Wuotan." 

„Er ist allerdings zu vierschrötig und 
plump", antwortete Leonie, „nach dem Bauche 
ihres Mannes schielend, „aber er braucht 
wenigstens keine LiebhaberroUen zu singen, 
denn, dass er verliebt sein könne, würde man 
ihm nicht glauben." 

„Dagegen aber dem Anderen, dem Schwap- 
pel. Was er für Augen hat!" 

„Sein Spiel verräth Feuer und Kraft und 
aus seiner Symphonie, die er gespielt hat. 



V — ^o — 

sprüht die Leidenschaft. Er erinnert mich 
an Rubinstein.^' 

Schwappel, dem schon früher die Theil- 
nahme der schönsten und elegantesten Frau 
in der Gesellschaft für ihn und sein Spiel 
nicht entgangen war, hatte bereits Ei^un- 
digungen über Leonie eingezogen, und da er 
jetzt merkte, dass sich Leonie und ihr Mann 
mit ihm beschäftigten, liess er sich diesen 
durch die Hausfrau vorstellen. 

„Sie haben meine Frau^S bemerkte Herr von 
Malzau, „sowohl durch Ihr Spiel wie durch Hure 
Komposition entzückt. Ich verstehe von beiden 
nichts und könnte Ihnen daher nur ein unge- 
schicktes Kompliment machen. Dagegen ist 
Leonie sehr musikalisch und spielt nur die 
Nibelungen Wagner^s, so dass ich meine Frau 
schon lange nicht gehört habe, denn die Leit- 
motive Wagner's und die Leitartikel über die 
orientalische Frage sind mir gleich langweilig.^' 

Schwappel hatte sich vor Leonie, die er- 
röthet war, verbeugt, dann wandte er sich zu 
Herrn von Malzau und sagte bitter lachend: 

„Wagner lebt noch, und das ist jedenfalls 
ein Fehler, vor dem sich das Genie am 



— 71 — 

meisten hüten muss. Erst wenn es diesen 
Fehler abgelegt hat, ist man bereit, auch die 
Vorzüge desselben anzuerkennen." 

Leonie nickte mit dem Kopfe zustimmend, 
ihr Mann aber erwiederte gutmüthig: 

„Die arme Nachwelt. Wenn sie alle Wech- 
sel einlösen mtisste, die auf sie gezogen wer- 
den, bliebe ihr nichts übrig, als sich bankrott 
zu erklären." 

Frau Blum, der die Aeusserung von Mei- 
nungsverschiedenheiten in ihrem Salon unan- 
genehm war, und die auch das Wort Bankrott 
verabscheute, das sie an die kummervolle 
Ursadie ihres behaglichen Daseins erinnerte, 
unterbrach das Gespräch: 

„Ach, Herr von Malzau, Sie scheinen 
nicht nur ein Gegner der neuen Musik, son- 
dern auch der alten Plastik zu sein, denn 
Sie haben sich ja mein Museum noch nie- 
mals genau angesehen. Leonie besucht mich 
wenigstens Vormittags hin und wieder, Sie 
aber meklen mich zu jeder Tageszeit. Kom- 
men Sie, Barbar, und reichen Sie mir Ihren 
Arml" 

Der arme Herr von Malzau musste der 



— 72 — 

Frau Blum den Arm reichen, die, als sie an 
Doktor Brauser vorübergingen, diesem in's 
Ohr wisperte: 

„Schildern Sie mich in Ihrem Feuilleton 
nicht etwa als Bärenführerin, Bösewicht!" 

Als sich Schwappel hatte vorstellen lassen, 
war er entschlossen, das Glück, das ihm so 
häufig bei den Frauen hold gewesen war, 
auch bei Frau von Malzau zu versuchen und 
das Interesse, das sie ofFenbai: für ihn em- 
pfand, sofort auszubeuten. Man gewinnt zwar 
das Herz einer Frau vielleicht eher durch 
ein Bonbon, das man ihr in einem stim- 
mungsvollen Augenblicke anbietet, oder, in- 
dem man sich bückt, um den Handschuh 
aufzuheben, den sie fallen Hess, als dadurch, 
dass man ihre Ansichten über die Musik 
theilt. Aber es schien ihm, dass ein auch 
noch so kleiner Gegensatz zwischen Mann 
und Frau dem Liebhaber nur förderlich sein 
könne, und um so eher, wenn der Liebhaber 
ein genialer Künstler und der Mann ein dicker 
Rentier wäre. Während er sich daher neben 
Leonie auf den Stulü setzte, den ihr Mann bisher 
eingenommen hatte, erschien ihm dies wie 



— 73 — 

ein symbolischer Akt der Entthronung des- 
selben. 

Leonie entschuldigte ihren Mann, dem die 
Musik gleichgiltig sei und der daher gewiss nicht 
geahnt habe, wie verletzend es für Jeden sein 
müsse, dem jene Herzenssache sei und noch 
mehr für einen Künstler, der nicht bloss den 
Meister verehre, wie sie und tausend Andere, 
sondert! auf denselben Wegen wandle wie dieser 
und schon jetzt neben ihm genannt werde. 

Schwappel dankte gerührt für den Antheil, 
den sie an seinem Streben nehme,- und trug 
dann mit vielem Ausdrucke ein Adagio über 
die Vereinsamung des Genies vor und wie es 
seit jeher edle Frauen gewesen seien, die diieses 
in seiner Verlassenheit aufgerichtet hätten. In 
mancher trüben Stunde, schlass er, habe ihn die 
Verzweiflung so übermannt, dass er auf die 
Kunst verzichten wollte, weil er nicht länger das 
Martyrium, das sie auferlege, tragen zu können 
vermeinte. Da habe er den Blick zu dem 
Bilde des Meisters erhoben und es sei ihm 
gewesen, als hätte das milde Auge des Duli- 
ders auf ihm geruht und ihn ermuthigt, aus- 
zuharren. Und heute, da er den Galopp aus 



— 74 — 

seiner S3rmphome gespielt und sich erinnert 
habe, was er gelitten, als er dieses Werk ge- 
schaffen, da sei es ihm gewesen, als hätte die 
Muse lange ihren Blick auf ihn gerichtet und 
er habe gefühlt, dass er, so lange tr in dieses 
herrliche Auge sehen dürfte, immer wieder 
den Muth zu neuem Schaffen fände. 

Die Muse erröthete bei dieser Anspielung, 
betrachtete sinnend ihren Fächer und begann, 
als sei ihr in Folge des Nachdenkens einge- 
fallen, wozu dieser bestimmt sei, sich mit ihm 
Luft zuzuwehen. Dann sah sie den Märt3nrer 
an, dessen Blick so schmachtend über ihre 
vollen Schultern hinglitt, dass das Neue, was 
er in diesem Augenblicke geschaffen hätte, 
gewiss nichts Anderes als ein Kuss gewesen 
wäre. O Schwappe!, auch diesen Gedanken 
hatten, wie alle Deine anderen, schon Viele 
vor Dir gehabt I Leonie hielt Schwappel 
wirklich für unglücklich, und sie war ge- 
schmeichelt durch die Liebe, die sie dem 
Künstler einflösste, etwas zu dem Unglücke 
desselben beitragen zu können. 

Indem sie ihr Bouquet erhob und die ein- 
zelnen Blumen darin mit Interesse betrachtete, 



- 75 - 

bemirkte sie, dass der grosse Künstler nicht 
dauernd lieben könne, da die Kunst stets ihre 
älteren Rechte auf das Herz desselben geltend 
machen werde. Schwappel behauptete das 
Gegentheil, da die Liebe den Künstler zu 
grossen Schöpfungen begeistere, und der Ton, 
in dem er seine Auseinandersetzungen vortrug, 
war ein so bewegter, dass diese nichts Anderes 
als eine logische Folge von Liebeserklärungen 
waren. 

„Wie^S ri^er, „die Liebe sollte den Künst- 
ler nicht begeistern ? Eine Zeüe von der Hand 
der Frau, die man verehrt, eine Schleife, die 
sie getragen, eine Blume, die sie berührt hat, 
vermag es I " 

Und dabei streckte er die Hand wie flehend 
nach dem Bouquet Leomens aus. Doch ihr 
war oienbar diese Bewegimg entgangen, denn 
^ verrieth nicht die geringste Unruhe, sie 
lächelte vielmehr unbefangen imd sagte: 

,4ch glaube aber in der That, dass es 
Frau Blum gelungen, ist, meinen Gemal für 
die alte Kunst zu begeistern, denn er scheint 
gar nicht mehr zu mir zurückkehren zu 
wollen." 



- 76 - 

Sie erhob sich bei diesen Worten vom Stuhle 
und mathte einige Schritte, als wollte sie den 
Säumigen aufsuchen. Auch Schwappel erhob 
sich zögernd, denn es gibt nichts, was einen 
Verliebten mehr zu verblüffen vermag, als 
wenn ihn die Geliebte, nachdem sie eine län- 
gere Liebeserklärung angehört, plötzlich ruhig 
fragt: Wie befinden Sie sich? oder durch eine 
ähnliche Redewendung den schönen Gleich- 
muth ihrer Seele zu erkennen gibt. Glück- 
licher Weise wurde Schwappel aus seiner Un- 
schlüssigkeit erlöst, denn in diesem Augen- 
blicke kamen Frau Blum mit Herrn von Malzau 
und die Majorswittwe mit Goldschein heran. 

„Denken Sie", rief Frau Blum, „Ihr Ty- 
rann will Sie uns durchaus schon vor dem 
Souper entführen; es ist das ein Beweis, dass 
sich sein Kunstsinn »zu entwickeln beginnt, 
denn er hatte kaum die Nacht von Michel 
Angelo angesehen und begann schon zu 
gähnen, als wenn es vier Uhr Morgens gewesen 
wäre. Wie schade, dass ich ihm nicht das 
Abendmahl von Lionardo gezeigt habe, denn 
er hätte dann gewiss die Sehnsucht empfunr 
den, ebenfalls zu soupiren." 



— 77 — 

Alle lachten und Herr v^ Malzau am 
lautesten. Er stellte dann seiner Frau Gold- 
schein vor und sich zu Schwappel wendend, 
sprach er die Hoffnung aus, beide Freunde 
nächstens bei sich zu sehen, worauf Leonie 
erklärte, es würde sie sehr freuen, beide 
Herren bei sich empfangen zu können. Gold- 
schein führte die Major swittwe zu Tische, Frau 
Blum geleitete das Ehepaar Malzau, Schwap- 
pel aber blieb im Konzertsaal allein zurück. 
Als Leonie im Begrifife war, den Saal zu ver- 
lassen, da fiel die grösste und schönste Sca- 
biose aus ihrem Bouquet. Hatte sie die arme 
Blume in der Zerstreutheit aus dem Strausse 
gepflückt? wir wissen es nicht. An dfer 
Schwelle blickte Leonie in den Spiegel, um 
eine Falte ihres Kleides glatt zu streichen. 
Da sah sie im Hintergrunde einen bleichen 
Mann stehen, der mit leidenschaftlicher Er- 
regung eine Blume an seine Lippen presste. 



-^•^sm^' 



V. 




JEONiE war am nächsten Morgen mit 
nnem Lächeln aufgewacht. Sie war 

*mit der Erinnerung, dass Schwappel 
sie seine Muse genannt hatte, eingeschlafen, 
und da sie als Mädchen wiederholt eine her- 
vorragende Rolle in lebenden Bildern gespielt 
hatte, die sich, wie man weiss, seit einiger 
Zeit in den Salons eingebürgert haben, war 
ihr ein solches im Traume erschienen. Sie 
sah nämlich eine Frau von wunderbarer 
Schönheit in antiker, faltenreicher Gewan- 
dung, zu deren Füssen ein idealer Jüngling 
ruhte, der kummervoll in die Saiten einer 
goldenen Lyra griff und zu der hehren Frauen- 
gestalt aufblickte,' die einen Lorbeerkranz 



— 79 — 

wand, aber so unbefangen, als wüsste sie 
nicht, was an ihrem Piedestal vorgehe und als 
würde sie jenes Gewinde „auf Lager" arbeiten. 
Das ideale Wwb sah Leonien zum Sprechen 
ähnlich und selbst der Traum hatte an ihrer 
Gestalt nichts zu ändern gefunden. Der gepei- 
nigte Jüngling jedoch trug wohl die Züge von 
Schwappel, hatte aber eine edler geschnittene 
Nase als dieser, auch war das Oval seines 
Gesichtes weit regelmässiger, femer hatte er 
auf der linken Seite des Kinnes keine Warze 
wie der dämonische Virtuose und endlich waren 
seine Hände nicht durch das Klavierspielen ent- 
stellt, wie jene Schwappel's. Leonie besichtigte 
das Lächeln, mit dem sie die Augen geöffiiet 
hatte, im Spiegel und da sie nichts daran aus- 
zusetzen fand, behielt sie es bis zum Frühstücke 
bei, wo die rauhe Wirklichkeit, die sich bereits 
mit Thee und kaltem Fleische gestärkt hatte, 
mit einem: „Guten Morgen, Weibchen 1*' alle 
ihre Traumgesichte verscheuchte. 

„Nun, ich denke", sagte Herr von Malzau, 
indem er mit prosaischer Behaglichkeit sich 
im Stuhle räkelte, „wir thun sehr gut daran, 
dass wir so selten in Gesellschaft gehen, 



— 8o — 

denn gestern haben wir doch genug Lange- 
weile ausgestanden." 

„Es ist mir nicht aufgefallen, dass wir 
uns an anderen Abenden viel besser unter- 
halten haben. Allerdings bist Du etwas später 
in's Bett gekommen als sonst — " 

„Du wirst wohl auch recht froh gewesen 
sein, liebes Kind, dass Du endlich schlafen 
gehen konntest, denn ich rauchte noch eine 
Cigärre und da die Thüre Deines Schlaf- 
zimmers offen geblieben war, hörte ich Dich, 
kaum zehn Minuten später, nachdem ich Dir 
gute Nacht gesagt hatte, schnarchen." 

Leonie würdigte eine solche Verleumdung 
keiner Antwort, sie nahm das neueste Heft 
einer Modenzeitung in die Hand und nach 
und nach ging ihr Unwille in einer leichten 
Träumerei über die neuesten Formen der 
Frühlingshüte unter. Und es war wirklich die 
höchste Zeit, an diese zu denken. Denn es 
war heute der erste schöne Frühlingstag und 
plötzlich drang durch die geschlossenen 
Fenster das Sonnenlicht herein, so dass 
Leonie, die Augen vor dem grellen Scheine 
schliessend, sich in den Stuhl zurücklehnte, 



— 8i — 

während ihr Mann, dem die Frühlingssonne 
warm machte, sich die Stime wischte und 
von seinem Stuhle erhob. Leonie dachte an 
das plötzliche Hereindringen des Frühlings 
während der Ehebnichsscene zwischen Sieg- 
mund und Sieglinde in der „Walküre" und 
deklamirte halblaut die Worte Sieglindens: 

„Ha, wer ging, wer kam herein?" 

Ihr Mann, der gegen das Fenster zuge- 
schritten war, um das Schösschen in dem- 
selben zu öffnen, glaubte, dass diese Frage 
ihm gelte und erwiederte, indem er sich 
umwandte: 

„Ich will nur ein Bischen lüften, denn es 
fängt an, sehr warm zu werden." 

Leonie fuhr jedoch, ohne darauf zu 

achten, fort: 

Keiner ging — 
Doch Einer kam: 
Siehe, der Lenz 
Lacht in den Saal! 

„Ach richtig", sagte Herr von Malzau, 

der auf einen Stuhl gestiegen war, um die 

Ventilationsvorrichtung aufzuschliessen, „das 

ist ja die abscheuliche Scene, die mich immer 

6 



— 82 — 

so empört, dass ich wünschte, der Mann käme 
statt des Frühlmgs herem und prügelte den 
Liebhaber trotz seiner Tenorstimme ordent- 
lich durch." 

„Sieglindens Mann", rief Leonie, indem sie 
tmwillkürlich etwas wärmer geworden war, „ist 

ein Nichtswürdiger, ein Tyrann, ein " 

„Ach was, das redet sich diese zucht- 
lose Frau Sieglinde nur ein. Wenn er ein 
Tyrann gewesen wäre, so würde er sich als 
solcher öffendich betragen, denn die Personen 
Wagner's scheuen ja sonst nicht die Oeflfent- 
lichkeit, und wenn der Herr Siegmund, um sich 
als Ehebrecher zu legitimiren, dem Manne vor 
dem ganzen Publikum Homer aufsetzt, braucht 
auch der Mann kein Bedenken zu tragen, 
seine Frau bei oflFener Scene zu misshandeln, 
falls er ein ordentlicher Tyrann sein will." 

„Muss denn ein Mann seine Frau schlagen 
wie ein besoffener Proletarier, damit sie seine 
Tyrannei imerträglich finde?" erwiederte Leo- 
nie mit glänzenden Blicken und leise bebender 
Stimme. „Der Blaubart hat ja auch seine 
Frauen, deren er überdrüssig war, nicht er- 
schlagen, sondern sie zu Tode gekitzelt." 



- 83 - 

„Hahaha! Ich bin ja selbst, wie Du 
wdsst, sehr kitzlig und Du hast mir auch im 
ersten Jahre unserer Ehe einmal drei Tage 
keinen Kuss geben wollen, weil ich bei Nacht 
plötzlich zu lachen anfing und zwar aus 
keinem anderen Grunde, als weil mir Dein 
langer Zopf zufallig unter die Achsel gekom- 
men war." 

Leonie hatte diesen empörenden Vorfall 
nie vergessen und rief erregt: 

„Wer wird eine Frau verurtheilen, die 
sich in die Arme eines Mannes wirft, den sie 
mit aller Glut liebt, während ihr Mann gleich- 
gütig gegen sie ist, ihre Gefühle nicht versteht, 
sie nicht achtet, und vielleicht verlacht!" 

Und dabei erhob sie sich empört und 
ging mit raschen Schritten aus dem Zimmer. 
Ihr Mann sah ihr ein Bischen überrascht nach 
und sagte dann kopfschüttelnd: 

„Armes Weibchen, der Frühling regt sie 
so auf, sie mu&s wieder anfangen, Ofner 
Bitterwasser zu trinken." 

Er öffnete hierauf die Thüre, durch die sich 
Leonie entfernt hatte, zur Hälfte, um einen 
stärkeren Luftzug herbeizuführen, doch schloss 

6* 



— 84 — 

er sie bald wieder behutsam, denn aus einem 
entfernten Zimmer drangen die Töne eines 
Pianos herein. Leonie hatte sich zum Klaviere 
gesetzt, um die Empörung ihres Herzens zu 
besänftigen und es kam ihr vor, dass ihr Spiel 
nie seelenvoller gewesen sei. Wenn Schwappel 
sie jetzt hätte hören können! Ob er wohl ahnte, 
was sie litt? Ach, sie selbst war ja die Unglück- 
liehe Sieglinde, die sich nach wahrer Liebe 
sehnte, nach der Liebe eines Mannes, der 
nicht ein abgepresstes, vor dem Altare ge- 
hauchtes Ja brutal ausbeutet, sondern der 
kein anderes Recht auf die Geliebte hat, als 
dass sein Herz bei ihrem Anblicke pocht, 
dass seine Wangen glühen, wenn sie spricht, 
dass er seufzt, wenn er ihrer gedenkt, dass 
der Schlummer seine Augen flieht, wenn ihr 
Bild vor ihm schwebt, dem aber, während 
die Leidenschaft ihn verzehrt, die Ehrfurcht 
vor ihrer Tugend die Lippen verschliesst, 
und der nur unglücklich ist, grenzenlos un- 
glücklich, bis die Geliebte, durch so viel Lei-, 
den gerührt, dem Dulder ihre Photographie 
schenkt. Die Hände Leoniens glitten von 
den Tasten auf ihren Schoss, sie sah Schwap- 



— 85 — 

pel zu ihren Füssen knieen, seine weichen 
Locken fielen auf ihre Hand, aber wie sie 
sich unwillkürlich niederbeugte, Öfl&iete sich 
ihr Schlafrock. Mit einem kleinen Schrei 
sjprang sie auf und kreuzte die Arme über 
die Brust — doch sie lächelte bald über die 
Lebhaftigkeit ihrer Phantasie, denn sie hatte 
wohl Schwappel gesehen, aber er nicht sie, 
wenn er nicht vielleicht in diesem Augen- 
blicke komponirte, und sie vor ihm schwebte, 
aber nicht im Schlafrocke, sondern im hohen 
geschlossenen KJeide der keuschen Muse. 

Einige Tage nach dieser Vision erschie- 
nen Sch\5rappel und Goldschein, um ihren Be- 
such abzustatten. Herr von Malzau bewill- 
kommte die Gäste mit grosser Herzlichkeit, 
während Leonie die vorschriftsmässige Zu- 
rückhaltung schöner Frauen an den Tag legte 
und die beiden Freunde mit dem abgemessen- 
sten Ceremoniel empfing. Sie erwiederte die 
ehrfurchtsvolle Verbeugung Goldscheins und 
die künstlerisch nachlässige Schwappel's mit 
einem milde herablassenden Neigen ihres 
Hauptes, als hätte sie sagen wollen: 

„Ich nehme Ihre Beglaubigungsschreiben 



— 86 — 

gerne entgegen und hoffe, dass die guten Be- 
ziehungen, welche bisher zwischen meinem und 
dem von Ihnen vertretenen Hofe geherrscht 
haben, keine Störung erleiden werden." 

Doch war die Unterhaltung bald. Dank 
der Beredtsamkeit Goldscheins, eine ziemlich 
lebhafte. Man sprach über den Frühling, die 
Fraterfahrten, das Reisen, dann über Italien, 
die Peterskirche, Makkaroni und Blutrache. 
Goldschein fiel nämlich ein, dass Schwappet 
und er gerade vor zwei Jahren um dieselbe 
Zeit in Corsica gewesen seien. 

„Die arme Michelina", sagte er, sich zu 
Schwappel hinneigend, mit etwas gedämpfter 
Stimme, „sie that mir leid, aber Du durftest 
Deine Abreise nicht länger verschieben." 

Schwappel's Gesicht umdüsterte sich, und 
er machte mit der Hand eine abwehrende 
Bewegung, als bäte er seinen Freund, 
nicht kaum vernarbte Wunden wieder aufftu- 
reissen. Leonie wickelte den Zipfel ihres 
Taschentuches mit nervöser Heftigkeit um 
den Zeigefinger und fragte dann, ob in Cor- 
sica noch immer die Blutrache geübt würde? 

„Leider", erwiederte Goldschem, indem er 



- 87 - 

auf Schwappel einen bedeutungsvollen Blick 
warf, „und ich würde Niemandem, der sich nicht 
frei von jeder Schuld weiss", und er fixirte 
neuerdings Schwappel, „empfehlen, sich darauf 
zu verlassen, dass die Vendetta erloschen sei." 
Leonie war überzeugt, dass Schwappel 
die Frau eines vornehmen Corsen geliebt und 
diesen im Duell getödtet habe, und in einer 
schwachen Regung von Eifersucht erklärte 
sie, dass sie die Blutrache für sehr gerecht- 
fertigt halte. Ihr Mann hielt die Sitte für 
barbarisch, da aber seine Frau dieselbe in 
etwas gereiztem Tone vertheidigte und so- 
wohl Goldschein wie Schwappel, jener aus 
romantischen Gründen, dieser aber, um dem 
Manne Leoniens zu widersprechen, ihr bei- 
pflichteten, hielt er es für zweckmässig, dieses 
blutige Gesprächsthema abzubrechen und ' 
fragte Goldschein, 06 in Ajaccio die Gas- 
beleuchtung eingeführt sei? Goldschein be- 
nützte diese Frage, um sich mit Herrn von 
Malzau in ein Gespräch über technische Fort- 
schritte der Gegenwart zu vertiefen und opferte 
sich gerne fiir den Freund, um diesem Gelegen- 
heit zu geben, mit Leonie unbemerkt zu plau- 



— 88 — 

dem. Diese sprachen noch eine kleine Weile 
über Italien. Schwappel nannte Italien das 
Land der Hoffiiungslosigkeit; doch glauben 
wir, dass er, wenn Leonie warum? gefragt 
hätte, in ziemliche Verlegenheit gerathen wäre, 
sein Urtheil zu begründen. Glücklicher Weise 
aber hatte Leonie in Mailand einmal drei Tage 
vergebens auf das Auftreten einer Opern- 
Sängerin, die heiser geworden war, gewartet, 
und so nickte sie zu seinem harten UrtheÜe 
zustimmend mit dem Kopfe. 

„Es ist", fuhr er melancholisch lächelnd 
fort, „eine Thorheit, die Verwirklichung seiner 
Ideale in Italien zu suchen, es bedarf dazu 
keiner Oliven- und Cypressenhaine, es genügt 
vollständig der Stadtpark, in dem ich jetzt 
täglich spazieren gehe, und so Mancher, der 
dort an sein Ideal gedacht, hat es gefunden, 
indem er den Blick erhob." 

Da Leoniens Fenster nach dem Stadtparke 
gingen und Schwappel sie wiederholt an 
demselben gesehen hatte und gewiss war, 
von ihr bemerkt worden zu sein, so konnte 
über das Ideal, das vom Parke aus bei 
halbwegs günstiger Beleuchtung sichtbar war. 



- 89 - 

kein Zweifel sein. Leonie aber war natür- 
licher Weise zu harmlos, um dies errathen 
zu können. Sie meinte daher, sie finde es 
begreiflich, dass man- in einem schönen 
Garten eher angeregt werde, zu kompo- 
niren, als in dem traurigen Zimmer, und 
fragte dann, ob er, seit sie ihn bei Frau Blum 
gesehen, etwas komponirt habe? Er erwie- 
derte, dass er nur ein kleines Lied geschrieben 
habe: Die Erinnerung. 

„Erinnerung, an wen? An Michelina?" 
fragte Leonie mit grosser Sanftmuth. 

Da wir nicht wissen, ob wir noch einmal 
im Verlaufe dieser Erzählung Gelegenheit fin- 
den werden, auf diese dunkle corsische Be- 
gebenheit zurückzukommen, so wollen wir an 
dieser Stelle verrathen, dass die erwähnte 
Michelina ein altes Weib war, welchem in dem 
Gasthofe in Bastia, wo Schwappel und Gold- 
schein gewohnt hatten, die Reinigung gewisser 
zwar heimlicher, aber dennoch stark benutzter 
Appartements oblag, und dem Schwappel ein 
paar alte Hemden zum Geschenke versprochen 
hatte, ohne jedoch, da er plötzlich abreisen 
musste, dieses Versprechen erfüllt zu haben. 



— 90 — 

Doch sind wir zu wenig in das Wesen der 
Blutrache eingeweiht, um ein Urtheil darüber 
zu haben, ob Schwappel deshalb, wenn er 
wieder nach Corsica gekommen wäre, die 
Vendetta von Seite der nächsten Verwandten 
Michelina's, wie Goldschein mit ziemlicher Be- 
stimmtheit vorhin angedeutet hatte, zu be- 
sorgen gehabt hätte. 

„Ach nein", antwortete Schwappel auf die 
Frage Leoniens: An Michelina? „das Lied ist 
an keine Frau gerichtet, nur an eine Blume." 

„Sind Sie ein solcher Liebhaber von 
Blumen?" 

„Es handelt sich um eine Blume, die jetzt 
schon welk ist, denn die Blumen gedeihen 
nicht an einem pochenden Herzen!" 

„Denken Sie aber auch nur an die schäd- 
lichen Ausdünstungen, die sich dort ansam- 
meln, und dabei ist für keine genügende 
Ventilation gesorgt I" rief Herr von Malzau 
gerade mit grossem Eifer, indem er Goldschein 
erläuterte, dass bei der Bauart der meisten 
Schulen die Gesundheit der Kinder sehr ge- 
fährdet sei. 

Schwappel biss sich in die Lippen und 



— 91 — 

warf dem Sprecher einen wüthenden Blick zu, 
da er aber sah, dass Leonie in den Gedan- 
ken an die Blume vertieft war, fuhr er fort: 

„Glauben Sie, gnädige Frau, dass die 
Dame, die jene Bhime verloren hat, mir 
gestatten wird, ihr das Lied an diese zu 
widmen?" 

„Ich glaube wohl, falls die Blume ein 
Geheimniss fdr Alle bleibt, ausser flir den 
Komponisten und die Dame." 

Eine Woche später wiederholten Schwap- 
pel und Goldschein ihren Besuch und jener 
überreichte Leonien ein elegant ausgestattetes 
Notenheft, auf dessen Titelblatte sich die 
Widmung: An Frau Leonie von Malzau, so- 
wie eine Vignette befand, in der der Zeichner 
einen jungen Mann abgebildet hatte, dessen 
Kopf an Beethoven erinnerte, und der eine 
Scabiose mit solcher Leidenschaftlichkeit 
küsste, dass man den Küsser für einen Bota- 
niker halten musste, dem die Freude über den 
Besitz dieser herrlichen Blume den Verstand 
geraubt hatte. 




VI. 




OLDSCHEiN lag in seinem Arbeitszimmer 
auf einem grünseidenen Sofa ausge- 
istreckt und rauchte aus einem Nar- 
gileh, das auf einem Tischchen neben ihm 
stand. Er trug einen Schlafrock aus citron- 
gelbem, Hosen aus Rosa- und Schuhe aus 
blauem Atlas, sowie ein kirschrothes Sammt- 
barett, und machte durch diese glückliche 
Zusammenstellung der Farben, sowie da- 
durch, dass er von Zeit zu Zeit den Schlauch 
des Nargileh aus dem Munde nahm und laut 
zu kreischen begann, den Eindruck eines 
Papageies. Er arbeitete nämlich gerade an 
seiner Oper: Schwanhilde, und machte den 
Versuch, einige Noten, die ihm eben ein- 



- 93 — 

gefallen waren, sich vorzusingen. Er hob bald 
das rechte, bald das linke Bein in die Höhe 
und sang dabei: 

Wehe, welch' Wehgeschick! 

Er zappelte, je länger er brütete, desto auf- 
geregter mit den Beinen und jammerte immer 
kläglicher die unheilvolle Stelle aus dem Opem- 
texte dazu. Aber endlich hielt er erschöpft 
inne und rief mit weinerlicher Stimme : 

„In den Rosahosen fällt mir auch nichts 
ein und Schwappel behauptete doch mit Be- 
stimmtheit, der Meister habe dasselbe Rosa 
zu seinen Atlashosen genommen, als er den 
Trauermarsch in der „Götterdämmerung" 
komponirte. Ich bin heute schon zu erschöpft, 
sonst würde ich die meergrünen Hosen an- 
ziehen, in diesen war ich bis jetzt doch noch 
am fruchtbarsten." 

Er kniete auf das Sofa, über dem ein Gel- 
porträt des Meisters mit Lorbeem umrahmt 
hing, und nachdem er es eine Zeit lang weh- 
müthig betrachtet hatte, seufzte er: 

„Ach Gott, ich wäre schon zufrieden, 
wenn ich auch nur deinen verfehlten „Rienzi" 
geschrieben hätte!" 



— 94 — 

Dann sah er sich vorsichtig nach allen 
Seiten um und flüsterte: 

„Selbst die „Hugenotten" habe ich mir in 
meiner Verzweiflung schon gewünscht kom- 
ponirt zu haben!" Nach diesem kompromitti- 
renden Geständnisse fasste er erschrocken mit 
beiden Händen seinen Kopf und wimmerte: 

„Ich weiss nicht mehr, was ich rede, der 
Ehrgeiz wird mich noch in's Unglück stürzen! 
Was hat mich meine Schwanhilde schon für 
Geld gekostet: zweitausend Gulden habe ich 
für das Textbuch zahlen müssen! Sonst zahlt 
man fiir ein Libretto immer nur tausend 
Gulden, aber wenn man eines mit einer aus- 
giebigen Alliteration haben will, lassen sich 
die Dichter, diese Blutsauger, die Arbeit 
doppelt bezahlen. Ebensoviel habe ich gewiss 
inzwischen schon für Atlas verbraucht, um 
meine blasirte Phantasie zu reizen. Und jedes- 
mal, wenn ich Schwappel vorsinge, was ich 
komponirt habe, und wenn es nur zwei Takte 
sind, kann ich darauf schwören, dass er mich 
eine halbe Stunde später anpumpen wird. 
Ach Schwanhilde, für die Opfer, die ich für 
deine Nebelgestalt gebracht habe, hätte 



- 95 - 

ich mir schon die dickste Ballettänzerin 
aushalten können! Aber wenn ich in den 
meergrünen Hosen nicht glücklicher mit dir 
bin, so fahre hin, ich will dann von keiner 
altdeutschen Jungfrau mehr etwas wissen und 
wenn sie auch aus dem vornehmsten Sagen- 
kreis herstammt! Und wenn ihr noch warm 
von der Edda kommt und mit euren verfüh- 
rerischsten Stabreimen, ihr falschen Sirenen, 
so will ich mir alle Taschen zuhalten und 
mich von euch nicht mehr bestehlen lassen." 

Er lief, das rothe Barett ganz im Nacken, ver- 
zweifelt im Zimmer auf und ab, so dass er manch- - 
mal über seinen langen offenen Atlasschlafrock 
stolperte und rief, die Hände ringend: 

„Die Liebe macht auch nicht produktiv; 
ich habe mich in die Majorswittwe verliebt, 
aber was habe ich bis jetzt davon gehabt? 
Nicht die geringste „R^verie" ist mir noch 
eingefalle6; ich habe mir sogar aus ihrem 
Kleid, und gerade aus jenem Theil, wo es 
anfängt, von epopöischer Breite zu werden, 
ein Paar Komponirhosen machen lassen, nicht 
einmal ein kleines „Souvenir" habe ich darin 
zu Stande gebracht. Sie hat ihr ausgeschnit- 



- 96 - 

tenstes Kleid getragen und ich habe eine ge- 
schlagene halbe Stunde neben ihr gesessen, so 
nahe, als wenn ich, Gott soll mich bewahren, 
angewachsen gewesen wäre, ich habe alles Mög- 
liche wogen gesehen bei ihr, so dass ich mich 
im Bett schlaflos herumgewälzt habe, und am 
Morgen, wie ich aufgestanden bin, war nicht die 
Spur von einer „Barcarole" bei mir zu finden. 
Was ist dagegen Schwappel für ein Genie I 
Guten Abend! hat ihm kaum diese Frau von 
Malzau gesagt, und er hat schon eine Er- 
innerung ohne Worte komponirt gehabt. Ich 
glaube, wenn diese Frau von Malzau einen 
Busen gehabt hätte so gross wie die Majors- 
wittwe, er würde schon ein ganzes Oratorium 
fertig gemacht haben. Wie oft habe ich mir 
schon vorgenommen, ich will ihm nicht mehr so 
viel Geld borgen, aber wenn ich ihn dann wieder 
sehe mit seinem genialen Eindruck, fürchte ich 
mich immer, er wird auf einmal unsterblich 
werden, und dann werden sie in seine Biogra- 
phie hineindrucken: Sein bester Freimd, ein ge- 
wisser Goldschein, hat ihm kein Geld geborgt 
Er hat mir sein heiliges Ehrenwort gegeben, 
dass ich ein vielversprechendes Talent bin, 



~ 97 — 

und ich ^ habe ihm auch gleich dreihundert 
Gulden auf dieses Ehrenwort geliehen, aber 
ich weiss nicht, fällt den anderen vielver- 
sprechenden Talenten auch nichts ein, oder 
habe ich nur ein solches Un^ück mit mdnem 
vielversprechenden Talent? 

Da schreibt der Meister ein Buch gegen 
das Judenthum in der Musik, als wenn man 
sich in der Musik auch nur nach dem achten 
Tage beschneiden zu lassen brauchte, um 
darin ein grosser Jude zu werden. Die Schrift 
hat mich aber doch so perplex gemacht, dass 
ich mich losgesagt habe vom Alten Testament 
mit seinem abgebrauchten Moses und dem 
Josef in Egypten mit seiner veralteten Keusch- 
heit imd der Königin von Saba, die jetzt wie- 
der Goldmark komponirt hat, und den Makka- 
bäem, die Rubinstein ganz todt gemacht hat. 
Ich faste nicht mehr am jüdischen Versöh- 
nungstag, sondern mache nur die Fasten mit, 
die der Meister vorgeschrieben hat, und seit 
Jahren ist keine Melodie mehr über meine 
Lippen gekommen. Ich bin jetzt urgermanisch, 
als wenn Moses die Juden nicht durch das 
rothe Meer, sondern durch den Teutoburger 

7 



- 98 - 

Wald geführt hätte — aber noch keinen Accord 
hab' ich aus dem ganzen Teutoburger Wald 
herausgeschlagen. Und romantisch bin ich 
geworden, dass sich Gott erbarmen soll. In 
meinem Kopf gehen nur mehr Riesen mit 
Keulen herum, und Zwerge mit Buckeln, die 
grösser sind als sie, und die nutznixigen Rhein- 
töchter und die Venus und eine ganze Me- 
nagerie von Drachen und Schwänen und Wald- 
vögelein und Pferden. Und gerade da, wo mir 
die Phantasie nichts nützt, giebt sie mir keine 
Ruh'. Neulich nach Tisch, ich habe an dem 
Tag die Hosen aus dem Majorsatlas getragen, 
spüre ich plötzlich ein Stechen, und auf einmal 
zieh' ich eine Fischgräte aus der Hose heraus, 
so dass ich erschrocken bin und geglaubt 
habe, die Majorswittwe ist eine verwittwete 
Seejungfrau und hat Flossen statt der Waden, 
und wenn ich mich nicht noch zur rechten 
Zeit erinnert hätte, dass ich Mittags einen 
Hecht mit Sardellensauce gegessen hatte und 
dass die Gräte vom Hecht herkommen wird 
und nicht von der Majorin, den Tod hätte 
ich vor Angst davon haben können." 

Goldschein setzte sich zu dem Schreib- 



— 99 — 

tische Und nahm eine dicke weisse Atlas- 
mappe in die Hand, auf welcher mit gol- 
denen Buchstaben gestickt war: Schwanhilde. 
Grosse romantische Oper in drei Akten von 
Max Goldschein, öflfhete sie imd starrte eine 
Weile mit trübsinnigem Schweigen die leeren 
Notenblätter an. 

„Was für schöne Sachen könnten da 
stehen!" seufzte er dann. „Wie gut würde sich 
hier in der Ecke eine Klarinettestelle aus- 
nehmen, was wäre nicht Alles möglich für 
eine Oboe herzuschreiben und hier wäre 
gerade noch ein Plätzchen für die grosse 
Trommel und wenn das Publikum glauben 
würde, es ist schon Alles überstanden, da 
würden mit einem Mal die Violinen einfallen, 
dass Alle hingerissen wären und riefen: Seit 
Wagner ist etwas Derartiges in einem Or- 
chester nicht gespielt worden. Und beim 
Schluss des ersten Aktes wäre ein Geschrei: 
Goldschein I Goldschein I und ich würde heraus- 
kommen im schwarzen Frack zwischen dem 
Tenoristen mit dem silbernen Helm und der 
Schwanhüde mit dem weissen Schleppkleid, 
und blass war' ich, wie das Tintenfass hier 

7* 



lOO 

und zittern würd^ ich, als wenn nicht die 
Schwanhilde, sondern ich, Gott soll mich 
beschützen! von den Rossen sollte zertreten 
werden. Und alle Lorgnons wären auf mich 
gerichtet und die Damen würden sich aus 
den Logen herausbeugen imd klatschen und 
die Eine würde sagen: 

Ich hab^ mir ihn nach dieser Instrumen- 
tirung viel grösser vorgestellt! 

Und die Andere: 

So hätte Carl Maria von Weber ausgesehen, 
wenn er ein Jude gewesen wäre! 

Und die Dritte: 

Schade, dass man beim Lampenlicht nicht 
sehen kann, ob er Sommersprossen hat! 

Und ich würde mich verbeugen und 
immer wieder verbeugen, dass ich drei 
Tage Kreuzschmerzen hätte. Um wie viel 
lieber aber hätte ich die Kreuzschmerzen 
von der Ehre als wie jetzt von den Hämor- 
rhoiden. Und durch vier Wochen würde 
man von nichts Anderem sprechen, als von 
Schwanhilde und Goldschein und Goldschein 
und Schwanhilde, und wenn ich auf der 



lOI 

Strasse ginge, würde Jeder stehen bleiben 
und Einer dem Andern sagen: 

Sehen Sie, dort geht der Goldschein. 

Und Keiner wtlrde fragen: 

Welcher Goldschein? 

Sondern Jeder würde wissen, wenn man 
der Goldschein sagt, meint man nur den Gold- 
schein, der die Schwanhilde komponirt hat" 

Und Goldschein war ganz berauscht von 
seinen Erfolgen, aber plötzlich ernüchterte er 
sich wieder an den leeren Notenblättern und 
rief weinerlich: 

„Aber was hilft es mir, wenn meine Musik 
noch so schön ist und sie mir nicht einfällt?" 

Goldschein hing diesem traurigen Ge- 
danken nach, als Schwappel und Straubinger 
eintraten. 

„Ach", sagte Schwappel, „ich sehe, wir 
stören Dich, Du bist im Arbeitsgewande. 
Nun, wie geht's mit Deiner Schwanhilde? 
Ist sie schon bei besserer Laune oder jam- 
mert sie noch immer: Wehe, welch' Weh- 
geschick!?" 

„Schwappel, wühle nicht so grausam in 
meinen Wunden! Seit ich die Idee gehabt 



I02 

habe, eine Schwanhilde zu komponiren, ist 
mir die Stimmung zur Fortsetzung meiner Ar- 
beit noch nicht wiedergekommen. Ich möchte 
verzweifeln!" 

Der beste Wuotansänger sah ihn mitleidig 
an und sagte dann: 

„Ich hab' in Passau einen Freund gehabt, 
den Schullehrer, der Trauermarsch' für 
Leichenbegängnisse erster Klasse komponirt 
hat, dem ist's gerad' so gegangen, wie Ihnen, 
Herr Goldschein. Bei der schönsten Leich' 
war er manchmal nicht in guter Stimmung. 
Dem haben nur Bratwurst' geholfen. War er 
nicht in der richtigen Stimmung, dann ist 
er zum weissen Hahn gegangen und hat sich 
zwei Paar Bratwurst' geben lassen und hat 
ein paar Schoppen Bier dazu getrunken und 
dann war ihm der ganze Trauermarsch nur 
ein Spass, so dass ihm oft die Leut' nicht 
g'schwind g'nug haben sterben können." 

„Manchmal fürchte ich, dass es mit meiner 
Stimmung überhaupt vorbei ist, ich habe ja 
schon alles Mögliche versucht, sie wieder- 
zubekommen und ich fürchte", und dabei 
reichte Goldschein dem Wuotansänger schwer- 



— I03 — 

müthig lächelnd die Hand },mir würden selbst 
Bratwürste nicht mehr helfen." 

„Du bist zu strenge gegen Dich", rief 
Schwappel, „Du hast mir ja zu wiederholten 
Malen einige Takte vorgesungen, die Ausser- 
ordentliches erwarten Hessen. Warum schreibst 
Du nicht wenigstens diese nieder?" 

„Es sind unglücklicher Weise lauter Mo- 
tive, die ich erst am Schlüsse der Oper an- 
bringen kann, da Alles, was ich Dir bis jetzt 
vorgesungen habe, immer nur das Wiehern 
der Pferde, die Schwanhilde zu zertreten 
haben, musikalisch ausdrücken sollte." 

„So schreibe doch den Schluss zuerst, 
der Komponist ist ja an keine Ordnung ge- 
bunden, fange mit dem Wiehern der Pferde 
an und höre mit dem Wehgeschicke auf, wenn 
es umgekehrt nicht gehen will." 

„Du gibst mir neues Leben, Schwappel! 
Du hast Recht, ich werde die Oper von rück- 
wärts nach vom komponiren", und dabei 
klatschte Goldschein in die Hände und sprang 
im Zimmer umher und wieherte einige Male 
nach einander. 

„Nun, da Du wieder vernünftig bist, lies 



— 104 — 

diese Einladung, die ich erhalten habe, sie 
geht auch Dich an", und dabei warf Schwap- 
pel einen Brief auf den Tisch. 

Goldschein nahm den Brief, der an Schwap- 
pel adressirt war, öffiiete ihn und las: 
„Sehr geehrter Herr! 

Ich würde es als einen neuen Beweis Ihrer 
Liebenswürdigkeit ansehen, wenn Sie nächsten 
Sonntag bei uns zu Mittag speisen wollten. 
Wir übersiedeln nämlich schon in einigen 
Tagen nach unserer Villa in Hietzing und das 
kleine Diner gibt mir wie meinem Manne die 
erwünschte Gelegenheit, einige unserer Be- 
kannten vorher noch einmal zu sehen und zu 
sprechen. Sie würden uns sehr verbinden, 
wenn Sie auch Ihre Freunde, die Herren 
Goldschein und Straubinger, mitbrächten, 
deren Adresse mein Mann nicht wusste, so 
dass ich nicht in der Lage bin, diese beiden 
Herren brieflich einzuladen. 

Leonie v. Malzau." 

„P. S. Sie werden bei uns nur Verehrer 
Ihres Genies finden, dessen jüngste Leistung 
Sie mir gewidmet haben und die mich täglich 
von Neuem entzückt. Es kommen Frau Blum, 



— io5 — 

welche* das Landhaus neben dem unsrigen in 
Hietzing gemiethet hat und gleichzeitig mit 
uns die Stadt zu verlassen vorhat, die Ma- 
jorin, die, wie ich hoffe, namentlich Herr 
Goldschein sich freuen wird, wiederzusehen, 
und Herr Dr. Brauser. L. v. M." 

Goldschein gab Schwappel denBrief zurück. 

„Der Abschied, den sie von Dir nehmen 
will, ist wohl gleichzeitig eine Aufforderung, 
sie auch in Hietzing zu besuchen?" 

„Ja wohl, damit ich meine stille Liebe, 
fem von dem Geräusche der Stadt, in länd- 
licher Zurückgezogenheit fortsetze." 

„Nur nicht verzagt, Schwappel, auf dem 
Lande wird Deine Sieglinde von ihrem Hun- 
ding nicht so bewacht werden." 

„Würden die Weiber so ehrlich lieben wie 
Sieglinde, so wären alle Hundinge trotz ihrer 
Wachsamkeit bald Hahnreie. Ich war seit 
dem letzten Besuche, den wir gemeinschaft- 
lich machten, noch einmal bei Leonie, aber 
ihr Mann hatte gerade einen Anfall seiner 
Ventilationsmanie und lüftete mich zur Thüre 
hinaus. Icli aber bekam in Folge dieses Be- 
suches einen Rheumatismus, so dass ich zwei 



— io6 — 

Tage nicht Klavier spielen konnte. Ich sagte 
ihr wohl, dass ich jeden Tag allein im Stadt- 
parke spazieren ginge, und sie errieth nur- zu 
gut, dass ich ihr dort zu begegnen hoffte, 
allein sie liess sich nicht herab, zu erscheinen. 
Und welche Langeweile habe ich dort ihret- 
wegen ertragen! Ich kenne bereits jeden 
Schwan, und die Störche stellen sich, wenn 
sie mich sehen, höhnisch auf ein Bein, als 
w;ollten sie mich Geduld lehren. O diese 
Störche, die Geliebte haben sie nie im Schna- 
bel, sondern nur die imangenehme Ueber- 
raschung, die Einem diese manchmal bereitet! 
Die Zeit wurde mir so lang, dass ich mir 
sogar die Statue Schubert^s angesehen habe. 
Ein dicker Spatz sass auf dem Notenblatte, 
das der Bildhauer Schubert in der Hand halten 
lässt, und sang daraus vor — ich sag' euch, 
dfcr Spatzengesang war der ganze Schubert." 

„Du hast heute wieder Deine infernalische 
Laune", rief Goldschein laut lachend. 

„Nur hin und wieder sehe ich die Ge- 
liebte beim Fenster stehen, aber sobald ich 
hinaufsehe, verschwindet sie. Und doch", 
fuhr er mit dem Fusse stampfend fort, 



— loy — 

„brauche ich ein neues Verhältnissl Die 
Weiber müssen von unser Einem wissen, 
dass er einem Ehemanne Hörner aufsetzt, 
damit sie sich für unsere Konzerte und Kom- 
positionen interessiren und in jeder Note, die 
man schreibt, Liebesrausch finden. Das packt 
sie immer. Wäre es nicht für unseren Ruf unbe- 
dingt nothwendig, ich hätte die Verhältnisse 
mit verheirateten Frauen längst aufgegeben. 
Denn entweder kommt man über den Anfang 
niemals hinaus, wie dies jetzt mein Fall ist, 
oder man ist gleich zu Ende. Ich weiss nicht, 
was langweiliger ist." 

Goldschein ergriff die Hand Schwappel's : 
„Ich fürchte, lieber Freund, wir gehen einer 
grossen Reaktion entgegen, die Weiber machen 
mir den Eindruck, als wenn sie wieder an- 
fangen wollten, höllisch keusch zu werden." 

„Es scheint, dass Du mit Deiner „Helden- 
Reizerin", um mit Wuotan zu sprechen, der 
Majorswittwe, auch trübe Erfahrungen gemacht 
hast." 

„Helden -Reizerin? Ach, bis jetzt habe 
ich sie nur als Stimmungs-Reizerin betrachtet. 
Uebrigens habe ich sie immer nur platonisch 



— io8 — 

geliebt, denn sie kommt meinem Ideal eines 
Weibes am nächsten. Du weisst ja, dass ich 
nur die herkulischen Weiber wahrhaft lieben 
kann. Sowie Siegfried's erste Liebe das Riesen- 
weib Brünnhilde ist, so war ich als Jüngling zum 
ersten Male in die beiden Doppelkaryatiden vor 
dem Palais Pallavicini auf dem Josefsplatze ver- 
liebt. O welche seligen Augenblicke habe ich 
vor ihren riesigen Leibern zugebracht! Und 
so romantisch war ich schon in meiner Jugend, 
dass ich einstens in einer mondhellen Nacht, 
da mich die vier Weiber mit ihren Riesen- 
lippen wieder verführerisch anlachten, einen 
Bleistift herauszog und meinen Namen ihnen 
auf den Leib schrieb, um so symbolisch von 
ihnen Besitz zu ergreifen. Nein, ich mag nicht 
diese Nippes -Weiber, die man zu zerbrechen 
fürchten muss, wenn man sie umarmt." Und 
dabei streckte er seine dünnen Kinderarme 
aus und ballte seine Fäustchen krampfhaft, 
als wenn er in jedem derselben einen Mai- 
käfer zerdrücken wollte. 

„Wir haben ganz denselben Geschmack, 
Herr Goldschein", bemerkte der beste Wuotan- 
sänger, „ich mag auch nur die starken Weiber. 

% 



— I09 — 

Ich hab' mich zwar niemals in eine Karyatide 
verliebt und in Passau gibt es auch gar keine 
solchen, aber meine erste Flamme war min- 
destens zwanzig Pfund schwerer als ich." 

Schwappel war inzwischen vor den Spiegel 
getreten, denn er war mit Straubinger so rasch 
von seiner Wohnung weggegangen, dass er 
sich nicht mehr Zeit genommen hatte, seine 
Toilette in Unordnung zu bringen. Nachdem 
er sein Haar aufs Nothdürftigste zerzaust 
und die Schleife seines Halstuches gelockert 
hatte, sah er auf die Uhr. 

„Himmel, ein Uhr schon und ich habe 
der Gräfin Brzezienicki versprochen, um diese 
Stunde bei ihr zu sein und mit ihr Liszt's 
„Isolden's Liebestod" vierhändig zu spielen. 
Also mache Dich verführerisch für Sonntag, 
lieber Max, damit Dir Deine verwittwete Ka- 
ryatide nicht zu widerstehen vermag. Kom- 
men Sie, Straubinger, Sie müssen mich be- 
gleiten und mir auf dem Wege von Ihren 
Liebesaventüren erzählen, aber", und dabei 
drohte er dem besten Wuotansänger scherz- 
haft mit dem Finger, „mit gewissenhafter An- 
gabe des Gewichtes aller Ihrer Schönen," 



HO 

Die Beiden drückten Goldschein die Hand, 
als sie jedoch bei der Thüre angelangt waren, 
Hess Schwappel Straubinger vorangehen und 
flüsterte mit Goldschein einige Worte, worauf 
dieser eine grosse Banknote aus seiner Brief- 
tasche nahm und, nachdem er noch einen 
jener schmerzerfüllten Blicke auf sie gerichtet 
hatte, mit dem man einen theueren Angehö- 
rigen anblickt, von dem ein trauriges Ge- 
schick uns zwingt, für immer Abschied zu 
nehmen, sie Schwappel in die Hand drückte. 




VIL 




ACHDEM für Leonie kein Zweifel mehr 
darüber bestehen konnte, dass Schwap- 
ipel sie leidenschaftlich liebe, fühlte sie 
erst recht, wie wenig ihr Mann im Stande 
sei, ein so edel empfindendes Wesen wie sie, 
zu beglücken. Fast jeden Tag entdeckte sie 
neue Fehler an diesem, die ihrem liebevollen 
Auge früher entgangen waren. So war sie 
erst jetzt darauf aufmerksam geworden, dass 
er sehr streitsüchtig sei und jeden Anlass zu 
einer kleinen Zänkerei benütze. Allerdings 
übersah sie dabei, dass sie in neuester Zeit 
jeder Ansicht, die er äusserte, mit grösserer 
oder geringerer Sanftmuth widersprach, und 
dass sie es war, die dabei in Hitze gerieth, 
und nicht er. Freilich war dies nicht das 
einzige Gebrechen, das ihr erst jetzt auffiel, 
allein die Aufzählung des ganzen Sünden- 



112 

registers dürfte zu viel Zeit in Anspruch 
nehmen, und wir begnügen uns daher, die 
Vermuthung auszusprechen, dass alle diese 
Schwächen aus einem leider unverbesser- 
liehen Hauptfehler des Herrn vonMalzau ent- 
sprangen — dass er ihr Mann war. 

Sie spielte das Lied, das ihr Schwappel ge- 
widmet hatte, alle Tage, so dass sie es bereits 
auswendig wusste und das Notenheft gar nicht 
mehr nöth^ hatte. Trotzdem nahm sie das- 
selbe eines Tages, als sie einen sehr heftigen 
Streit mit ihrem Manne gehabt hatte, zur 
Hand, sie schlug es aber nicht auf, sondern 
begnügte sich, den Umschlag eine Weile zu 
betrachten, und endUch auf das Bild, das 
sich auf dem letzteren befand, verstohlen 
einen ganz schwachen Kuss zu drücken. Ob 
sie aber das Büdniss Schwappeis aus Sehn- 
sucht nach dem Original geküsst hatte, oder 
nur, imi sich für die Tyrannei ihres Mannes 
zu rächen, wagen wir nicht zu entscheiden. 
Die Ursache des Zankes war, dass de ihre 
Freiheit heldenmüthig vertheidigt und sich « 
geweigert hatte, sich von ihrem Manne in die 
Verbannung schleppen zu lassen. Er war 



— n3 — 

nämlich endlich des Nichtsthuns so über- 
drüssig geword^, dass er ein grosses Gut 
an der böhmischen Grenze gekauft und den 
Beschluss gefasst hatte, einen Theil des Jah- 
res dort zuzubringen, um die Bewirtschaf- 
tung des Gutes imd den Betrieb der Fabriken, 
die sich dort befanden, zu leiten und zu 
überwachen. Obwohl das Gut in einer sehr 
fruchtbaren . Gegend lag und sich auf dem- 
selben ein mit allen Bequemlichkeiten aus- 
gestattetes Schloss befand, und obgleich die 
Eisenbahn daran vorüberzog und es so von 
Wien in wenigen Stunden erreicht werden 
konnte, hatte Leonie dennoch erklärt, sie 
könne unmöglich die Entbehrungen und Stra- 
pazen eines Aufenthaltes in so unwirthlicher 
Gegend ertragen, und mehrere ELrankheiten 
genannt, öie sie dort unfehlbar in der kür- 
zesten Zeit hinwegraffen würden. Ihr Mann 
aber hatte, anstatt auf das Tiefste zu er- 
schrecken, gelacht, und sie hatte, empört 
über diese Gefühllosigkeit, das Zimmer ver- 
lassen, und bevor sie sich ans Klavier setzte, 
die schon erwähnte Prozedur mit dem Noten- 
hefte vorgenommen. 

8 



— 114 — 

Seitdem hatte ihr Mann mehrere Male mit 
grösserem Ernste seinen Wunsch ausgespro- 
chen, nach dem Gute abzureisen, nachdem sie 
vorher einige Zeit auf ihrem Landhause in 
Hietzing zugebracht hätten, und da Leonie auf 
den verschiedenen Krankheiten, deren Opfer 
sie dort werden würde, mit grosser Festigkeit 
bestand, erklärte er, allein seinen Aufent- 
halt auf dem Gute nehmen zu wollen. Herr 
von Malzaü fühlte sich, seitdem er wieder 
geschäftliche Sorgen hatte, wohler als je, und 
dachte an nichts als die Verbesserungen, die 
er auf dem Gute einführen wollte. Jetzt sass 
Leonie nicht mehr allein bei dem Frühstücke in 
lieblichen Träumereien verstmken, sondern 
auch ihr Mann hing seinen holden Phantasieen 
nach, sie dachte an ihren Schwappel und er 
an seine Mastochsen in der Gutsbrauerei. 
Er war daher nicht entzückt von der Gesell- 
schaft, die Leonie zu dem Abschiedsdiner 
geladen hatte, denn Rübenzucker und Spiritus 
übten gegenwärtig einen grösseren Zauber auf 
sein Gemüt aus, als büdende Kunst und Musik. 

Leonie hatte sich für das Diner mit jener 
ungesuchten Einfachheit gekleidet, die sich die 



— ii5 — 

Modistinnen so theuer bezahlen lassen. Sie 
trug ein Kleid von bescheidenem Musselin mit 
alten Spitzen, eine Rose im Haare, und an 
einem schmucklosen schwarzen Sammetbande, 
welches das blendende Weiss ihres Halses 
noch mehr hervorhob, hing ein Brillantkreuz, 
das zu sagen schien: Wanderer, bete fiir den 
Frieden deiner Seele, denn der hier unten ruht, 
raubt dir ihn! Die Majorswittwe erschien in 
einem blauen Kleide mit einem Kürass aus 
schwarzer Seide und mit einem kleinen silber- 
nen Pallasch im aufgewundenen Zopfe, während 
Frau Blum, die am Arme des Doktor Brauser 
ihren Einzug hielt, in der Weise der Bella di 
Tiziano gekleidet war. Die drei Freunde hatten 
ihre Orden im Knopfloche und nur der ge- 
fiirchtete Kritiker begnügte sich mit einem 
bescheidenen geistigen Schmucke, indem er 
wie gewöhnlich ein Packet mit Büchern unter 
dem Arme trug. 

Herr von Malzau bestand darauf, dass der 
beste Wuotansänger neben ihm sitze, denn 
er erschien ihm als der Einzige in der Ge- 
sellschaft, mit dem sich ein vernünftiges Wort 

werde sprechen lassen, da er voraussetzte, 

8* 



— ii6 — 

dass dieser als Bayer sowohl wie auch als^ 
Bassist ein grosses Interesse für die Bier- 
brauerei bekunden werde. Schwappel, dem» 
man den Platz neben der Hausfrau angewie- 
sen hatte, war so grausam, Leonie von seinen^ 
Klavierspiele mit der Gräfin Brzezienicki zuj 
erzählen, und zeigte ihr einen kleinen Dolch,, 
den ihm dieselbe heute zum Geschenke ge- 
macht hatte. Der Dolch sah zwar ziemlich 
einfach aus, war aber eine kostbare Reliquie^ 
da durch eine Urkunde erwiesen werde» 
konnte, dass ihn eine Tante Kosciuszko's 
nach dessen letzter unglücklichen Schlacht 
stets im Strumpfbande getragen hatte^ 
Goldschein sass schweigsam neben der Ma- 
jorswittwe, da er in seiner Composition voa 
rückwärts nach vorne eben daran war, ein 
Abschiedslied in Musik zu setzen, das ii> 
seiner Oper die Heldin Schwanhilde, bevor 
sie von den Rossen zerstampft wird, an den 
Mond richtet, und sich hierzu durch eine ein- 
gehende Betrachtung der entwickelten Formen 
seiner Nachbarin zu inspiriren hoffte. Frau 
Blum aber theilte Doktor Brauser ihre geist- 
vollen Ansichten über die Aufgabe der Musik- 



— 117 — 

"kritik mit, während dieser, wahrscheinlich, um 
nicht in die Versuchung zu gerathen, den herr- 
lichen Gedankengang der Rednerin durch seine 
eigenen Bemerkungen zu unterbrechen, sich 
<len Mund mit grossen Stücken Lachs stopfte. 

„Nun, was sitzen denn Sie so schweig- 
rsam, Herr Goldschein", sagte die Majorin, 
„und sehen mich immer an, wie der Ritter 
Toggenburg von Schiller sein Vis ä Vis, der 
auch nichts gesprochen hat, bis es zu spät 
iwar und er eines Morgens als Leiche dasass." 

„Den Ritter hat nur die Grausamkeit der 
Geliebten getödtet. O, alle Weiber sind 
Hyänen!" 

„Es ist mir nur ein Fall erinnerlich, in 
•dem die Weiber zu Hyänen werden, nämlich, 
wenn in Schiller's „Glocke" eine Revolution 
ausbricht, „Da werden Weiber zu Hyänen, 
und treiben mit Entsetzen Scherz." Wenn 
aber das Militär in den Kasernen konsignirt 
ist, können sich ja die Völker gar nicht selbst 
.befreien, weil sonst das erste Glied Feuer 
giebt, und wenn daher der Platzkommandant 
nicht den Kopf verliert, haben die Weiber 
auch keine Gelegenheit zu Hyänen zu wf rd^|^," 



— ii8 — 

„Wenn Sie eine Hyäne wären, Frau Ma- 
jorin, wäre ich selig, von Ihnen zerrissen zu 
werden 1 " 

„O, das bilden Sie sich nur ein, lieber 
Herr Goldschein, „der Wahn ist kurz, die 
Reu' ist lang"," und dabei sah die Wittwe den 
Hyänenfreund schmachtend an und seufzte. 

Herr von Malzau befand sich in festlich 
gehobener Stimmung, denn der beste Wuotan- 
sänger hatte bereits den dritten Krug des 
auf seinem Gute gebrauten Bieres getrunken. 

„Zum Fische aber, Herr Straubinger", 
sagte er jetzt, „sollten Sie doch Wein trinken", 
und dabei nahm er selbst einen mächtigen 
Schluck Bier, um zu zeigen, dass er mit seiner 
Aufforderung, zum Weine überzugehen, nur 
den Vorschriften der unerbittlichen Etikette 
gefolgt sei, und nicht seiner inneren Ueber- 
zeugung Ausdruck gegeben habe. 

„Bier, Herr von Malzau, kann man zu 
Allem trinken." 

„Nur nicht zu Gurkensalat, das könnte 
unangenehme Folgen haben." 

„Daran ist aber nicht das Bier schuld, 
sondern der Salat." 



— 119 — 

Herr von Malzau war gerührt durch diesen 
unerschütterlichen Glauben an das Bier, der 
selbst durch einen Gurkensalat nicht zum 
Wanken gebracht werden konnte, und in 
einer edeln Aufwallung, in der man jede 
Rücksicht auf das eigene Wohl vergisst, rief er: 

„Nun, dann müssen Sie uns nach Tische 
etwas singen!" 

Schwappel schwärmte vom „Parsifal" 
Wagner^s und Leonie hörte ihm nachdenklich 
zu. Sie hatte nämlich entdeckt, dass Schwap- 
pel ein sehr starker Esser sei, und es war 
ihr räthselhaft, wie er dabei so interessant 
aussehen konnte. 

Frau Blum aber höfelte dem Doktor Brauser 
mit solcher Ausdauer, dass dieser endlich ge- 
zwungen war, das Wort zu ergreifen, um seine 
Verdiente auf ihr wahres Mass zurückzu- 
fiihren. Nachdem er einem Lammsbraten die 
letzte Ehre erwiesen und sich zum dritten 
Male von demselben hatte reichen lassen, 
wischte er sich, zum Zeichen, dass er ein 
trockenes wissenschaftliches Thema behan- 
deln wolle, den Mund ab und rief mit lauter 
Stimme, die zur Beendigung jeder Sonder- 



I20 T- 

diskussion aufforderte und die allgemeine 
Aufmerksamkeit in Anspruch nahm: Es sei 
allerdings richtig, dass er das noch immer 
fortwuchemde Unkraut der alten musikali- 
schen Richtung mit unbarmherziger Hand 
auszurotten bemüht sei, und möglicher Weise 
seien wirklich viele Talente aus Furcht vor 
seinen kritischen Dragonaden zur wahren 
neuen Musik bekehrt worden, so wie umge- 
kehrt die Protestanten zur Zeit Ludwig's des 
Vierzehnten durch die Dragoner zum wahren 
alten Glauben zurückgeführt worden seien. 
Allein er verdanke doch seinen kleinen, aller- 
dings sehr überschätzten Einfluss weniger der 
Furcht, als der Einsicht in die Richtigkeit 
seiner Methode. Denn er dürfe sich wohl 
rühmen, die naturalistische Musikkritüc in 
Deutschland geschaffen zu haben. 

Die Musikkritik müsse heute, wie jede 
andere Wissenschaft, auf die Naturforschung 
gegründet sein. Der Musikkritiker sollte Ana- 
tom und Physiologe sein und es sei fUr ihn 
eben so wichtig, zu wissen, was ein Musiker 
esse und trinke, als welcher Schule er ange- 
höre. Wir seien durch Darwin auf die Zucht- 



121 

wähl aufmerksam gemacht worden, mid wenn 
ein Kritiker eine ausgezeichnete Stimme höre, 
so werde er zu erforschen haben, ob Vater und 
Mutter nicht ebenfalls schon über hervor- 
ragende Stimmmittel verfügt hätten. Seichte 
Köpfe, Cyniker und schale Witzler hätten sich 
darüber lustig gemacht, als bekannt worden 
sei, dass Richard Wagner Atlashöschen, sowie 
Schlafröcke tmd Stiefelchen aus diesem Stoffe 
trage, und die Farbe je nach der Art seiner 
Komposition wechsle. Er aber behaupte, dass 
wenn Wagner nie einen Reim gestabt und nie 
eine Note geschrieben, sondern nichts Anderes 
geleistet hätte, als durch sein Beispiel die 
Wissenschaft auf den Einfluss des Atlas auf die 
musikalische Gestaltungskraft aufmerksam zu 
machen, dies allein hingereicht haben würde, 
seinem Namen die Unsterblichkeit zu sichern. 
So viel sei gewiss, dass nunmehr der AÜas 
jedem Komponisten unentbehrlich geworden 
und ein noch verlässlicheres Reizmittel der 
musikalischen Phantasie sei, als Kaffee, Thee 
oder Tabak, ja dass vielleicht wenn die ge- 
liörigen Versuche angestellt würden, eine 
Atlas-Narkose erzielt werden könnte. 



122 — 

. Er selbst sei dadurch zu Forschungen ange- 
regt worden, von denen er Resultate erhoffe^ 
die wahrhaft umgestaltend wirken würden^ 
Er bekenne sich wie Wagner zu dem Systeme 
Schopenhauers und habe sich bei seinen 
Untersuchungen s^enge an das grundlegende 
Werk dieses Philosophen t „üeber die vier- 
fache Wurzel des Satzes vom zureichenden 
Grunde" gehalten. Er habe sich nämlich ge- 
fragt, wie so der Adas entstehe, und sei da- 
bei auf die Seidenraupe gekommen, er habe 
sich wttter gefragt, welcher Nahrung diese 
Raupe ihr Gespinnst verdanke, und sei so 
mit Nothwendigkeit auf den Maulbeerbaum 
gerathen. Einmal so weit, habe er die fernere 
Frage aufgeworfen: Wenn schon die Reibung 
der Glieder mit dem Atlasgewebe und die 
fortwährende Betrachtung desselben die Phan- 
tasie des Komponisten anrege, ob dies nicht 
in noch weit höherem Grade der Fall sein 
müsse, wenn der Komponist statt des Adas 
den letzten Grund desselben, (den Maulbeer- 
baum, auf sich wirken Hesse und sich mit Maul- 
beeren nährte. Er werde sich auch, sobald die 
Früchte des Maulbeerbaumes zu reifen begän- 



— 123 -— 

nen, an das Konservatorium mit dem Ersuchen 
wenden, ihm zwei oder drei talentvolle Zöglinge 
zu überlassen, die er mit Maulbeeren ernähren 
und gleichzeitig komponiren lassen wolle. 

Aber das Beispiel des genialen Meisters 
habe ihn noch weiter geführt. Er selbst habe 
nämlich bisher während des Schreibens seiner 
Kritiken Flanellhemden getragen und sei da- 
durch zu dem Schlüsse gelangt, dass Flanell 
auf den Scharfsinn äusserst günstig wirken 
müsse. Er gedenke nun, da schon die Reibung 
mit Schafwolle sein kritisches Vermögen so 
anrege, in Gemässheit seiner Theorie, immer 
auf den letzten Grund zurückzugehen, im heu- 
rigen Sommer, in welchem er sein Werk: 
„Ueber die Wiederherstellung des echten 
Christenthums durch Wagner's Parsifal" zu 
schreiben vorhabe, einen Absud von Klee 
während der Arbeit zu trinken, da Klee als 
Schaffutter noch weit wohlthätiger auf den 
Scharfsinn einwirken müsse, als die blosse Rei- 
bung mit der Wolle des Schafes, dem Flanell. 

Die Gesellschaft zollte dem grossen For- 
scher und Kritiker die grösste Bewunderung 
und Frau Blum war von dem Vortrage so 



124 — 

begeistert, dass sie mit ihren keuschen Lippen 
einen Weihekuss auf die Denkerstime des 
Doktor Brauser drückte. Nur Herr von Malzau 
und Straubinger schwiegen und hatten bei der 
Mittheilung des Kritikers, dass er mit einem 
Absude von Klee seinen Scharfsinn reizen 
wolle, einander kopfschüttelnd angesehen, 
denn es war ihnen wohl ein Absud von einer 
Pflanze bekannt, der auf den menschlichen 
Geist äusserst wohlthätig einwirkte, aber die 
Pflanze war nicht Klee, sondern Hopfen. Die 
Unterhaltung wurde, je mehr sich die Mahl- 
zeit ihrem Ende näherte, immer lebhafter, die 
Haltung ungezwungener, die Stimmen lauter. 
Auch Leonie erhob ein wenig ihren Flüster- 
ton. Sie hatte ein Glas mit Champagner in 
die Hand genommen und indem sie sinnend 
die Perlen des Weines betrachtete, sprach 
sie, gegen Schwappel vorgeneigt, mit grosser 
Begeisterung von ihrem Landaufenthalte, so 
dass man hätte glauben können, sie spreche 
von einem stillen, weltentrückten Dörfchen 
und nicht von dem so nahen, lärmvollen und 
vornehmen Hietzing. O, sie konnte es kaum 
erwarten, von dem Zwange der Etikette be- 



125 

freit zu sein, (üe stillen Waldpfade zu wan- 
deln, im Moose zu lagern und von entschwun- 
denen Tagen zu träumen, dem Murmeln des 
Baches, der zu ihren Füssen hinglitt, zu lau- 
schen, unter unverdorbenen Menschen zu 
weilen, den Gesang der Schnitterinnen, die 
Abends vonj Felde heimkehrten, zu hören, 
kurz, alle jene harmlosen Freuden zu ge- 
messen, die auf dem Lande, leider aber ge- 
rade nicht in Hietzing zu finden sind. Sie 
nippte von dem Weine und sah Schwappel 
an, ob er in ihrer Seele lesen könne, und er 
verstand darin zu lesen. Denn auch er hatte 
einst, wie er seufzend bemerkte, die Natur 
geliebt, dort habe er immer Trost gegen den 
Spott, Neid und die Missgunst der Menschen 
gefunden, aber jetzt sei (ües anders. Jetzt 
erscheine ihm selbst die Stille der Natur ge- 
räuschvoll, und er finde nur an einem Orte 
noch die Ruhe, nach der er sich sehne — 
im Grabe! Leonie war sehr ergriffen. 

Nachdem man sich von der Tafel erhoben 

hatte, wurde ein Bischen musziirt. Straubinger 

sang, bereitet von Schwappel, aus „Sieg- 

'fried" den letzten Theil des Zwiegesprächs 



126 

Wuotan's mit Erda und Herr von Malzau 
rief zum Schlüsse dem verlässlichen Bier- 
freunde so lärmende Bravo's zu, als wenn er 
ihm die Lorbeern des besten Wuotansängers 
hätte streitig machen wollen. Frau Blum 
drang nun in Leonie und diese musste sich, 
wie sehr sie sich auch sträubte, endlich an's 
Klavier setzen. Die Gesellschaft gruppirte 
sich um sie, nur Goldschein zog sich mit der 
Majorin in eine Fensternische zurück. Er 
hatte von den verschiedenen Weinen genippt 
tmd diese waren ihm so sehr zu Kopfe ge- 
stiegen, dass er die Wittwe aufforderte, sie 
möge ihm einen Kuss geben. Diese ver- 
weigerte jedoch eine solche Liebkosung, da, 
wie sie anführte , schon Schiller's „Kindes- 
mörderin" durch eine ähnliche Nachgiebig- 
keit, deren Folgen sie Anfangs unterschätzt 
habe, in ihr Verderben gerathen sei. Gold- 
schein schwur bei der Ehre seiner Schwanhilde, 
dass er ihr nie den Anlass auch nur zu dem 
Morde 4es kleinsten Kindes geben werde, 
allein die Älajorin schüttelte den Kopf und 
indem sie Goldschein beim Ohrläppchen fasste, 
deklamirte sie mit tragischem Tone: 



— 127 — 

Weh! vom Ann des falschen Mann's umwunden, 
Schlief Luisens Tugend ein. 

Goldschein aber rief weinerlich, die Tugend 
sei ein Vorurtheil, dem die Liebe Trotz bieten 
müsse, der Majorin aber fehle der Muth, zu 
lieben, und indem er deren Hand fasste und 
an seine Lippen zog, stöhnte er mehrere 
Male : „Schwaches Weib! " Die Wittwe machte 
sich sanft von ihm los und klatschte mit den 
Anderen Beifall, da Leonie eben den Vor- 
trag des ihr von Schwappel gewidmeten 
Liedes beendet hatte. Doktor Brauser war 
von ihrem Spiele entzückt und bewunderte 
ihren glockenhellen Ton, namentlich aber den 
Anschlag, den er noch kräftiger fand, als jenen 
der Frau Clara Schumann. Es erschien ihm 
dies bei den kleinen und zarten Händen der 
Klavierspielerin als ein interessantes Räthsel 
und als dem Begründer der naturalistischen 
Kritik musste ihm eine nähere Prüfung des 
Handgelenkes sowie der Armmuskeln Leo- 
niens von höchstem Interesse erscheinen. 
Leonie hatte einen zu prachtvollen Arm, als 
dass sie nicht im Interesse der Wissenschaft 
eine solche Untersuchung hätte gestatten 



128 

sollen. In Frau Blum aber begann sich die 
Eifersucht ein wenig zu regen, als sie sah, 
wie gewissenhaft Doktor Brauser seine For- 
schungen betrieb. Sie nahm daher die Ma- 
jorin bei Seite und fragte diese: 

,,Finden Sie nicht, dass unsere liebe Freun- 
din heute noch koketter ist, als gewöhnlich?'^ 

Die Wittwe jedoch erwiederte lachend: 

„Ich möchte nur wissen, welche Muskeln der 
Doktor Brauser im Interesse der Wissenschaft 
bei den Ballettänzerinnen untersucht,' da diese 
ja nicht auf den Händen zu tanzen pflegen ?^^ 

Leonie aber zahlte jetzt Schwappel sein 
vierhändiges Klavierspiel mit der Gräfin Brze- 
zienicki heim. Sie beobachtete ihü, der seinen 
Zorn kaum zu bezwingen vermochte, ver- 
stohlen und weidete sich an dessen Qual. 
Herr von Malzau, der die Luft unerträglich 
heiss fand, ö£Ehete jetzt, nachdem er vorher 
schon mittelst des Ventilationsapparates eine 
Lüftung bewerkstelligt hatte, die Thüre, die 
zum Balkon führte, und brannte sich seine 
Cigarrette an, um dieselbe dort zu rauchen» 

£r war kaum hinausgetreten, als Leonie, die 
ihm mit den Blicken gefolgt war, einen Schrei 



129 — 

ausstiess und angstvoll gegen die Mitte des 
Saales lief. In demselben Augenblicke aber 
stürzte sich Scfawappel auf sie, umfing sie mit 
beiden Armen und presste krampfhaft ihren 
ganzen Körper an den seinen. Leonie lag 
bleich und regungslos' an SchwappeFs Brust, 
ihre Augen waren geschlossen, er fühlte das 
ungestüme Wogen ihres Busens und das 
Klopfen ihres Herzens, sie athmete schneller, 
er näherte seine Lippen den ihrigen, die halb 
geöffiiet waren, 'so dass die glänzend weissen 
Zähne hervorschimmerten, immer mehr und 
liess sich von dem Wehen ihres Athems be- 
rauschen, er knirschte mit den Zähnen, und 
hätte sie nicht, als sie seinen heissen sinn- 
lichen Hauch fühlte, den Kopf zurückge- 
bogen, er hätte nicht widerst^en können, 
das schöne Weib in seinen Armen zu küssen. 
Frau Blum war dem Doktor Brauser, der 
gerade in ein Gespräch mit Straubinger ver- 
tieft war, kreischend um den Hals gefallen 
und schnürte ihm mit ihren Händen fast die 
Kehle zu, so doss dieser um Hilfe schrie, da 
er, an das traurige Schicksal des griechischen 
Musikers Orpheus denkend, der von Bacchan- 

9 



— ISO — 

tmnen aernssen wurde, gbutbtef seme Fieiii^ 
dm habe ebenMs bei Tische zu sehr deai 
Bacchus geopfert und woüe äan)etzt meinem 
Anfalle von li^esirslmsinn erdrossehi« Die 
Majofin dagegen iistte aHe Mühe, GiAäadatm, 
der hef^ zitierte und in die Kniee gesDühen 
war, auf den BctBen m. ediaken, iodeni sie 
ilui unter den Annen insste und so oft er lUr 
beeniTi ensdmappte, n die £Etihe se^ 

HctT vosMialzaQYeriiess, dn er dooLäim 
itirbe^denBalkdn. Als erfedeckindas Zimmer 
brat eodd die allgememe Umaraatuig^ fifth, tss- 
UAfiSnätt dieses. nKriewflrdige Schauspiel^^cfaas 
er sich nk&t an eikläDcn ireraioehte,. decast, 
dass eranrücktnt md wie eingerarzeit an dicr 
Sciatwirile stehen bHeb. Lemne war satzwisdicn 
zu sicii gefcontsBCB, äe entwand sich den 
ArBMn fichwop^l'sy sah ihren Idana vor^ 
wtR-fsToU an und murmelfeefiir sieh ; ^^MiEkrderf ^ 
Frau Bkun and €at Maydrin eilten anf sie zo, 
maumten die tasA besäten deren lUeid,^ n 
tiessen Sdtosse eöse Tetkofalte Stelle sveh te^ 
iand. Bar staube Lnifbng halle näsnJtdi «nesi 
Ftmiasn vnn Ar Cli^ganette, die üerr von 
Makau angebrannt iRBtte^ jiisf sbs £lcnl< 



— 131 — 

Frau getragen, so dass das feine Gewebe zu 
glimmen begonnen hatte« Der Brand war 
aber schon von selbst erloschen, alsSchwap- 
pel, um ihn zu ersticken, Leonie umschlungen 
hatte. Herr von Malzau erschrak hefdg, dann 
aber dankte er Schwappel und drückte ihm 
gerührt die Hand. 

Nachdem Leonie, die der Ruhe bedurfte, 
zu Bette gebraiiht worden war, braeh dfe G^ 
Seilschaft auf. Goldschem hatten dar Wm 
und der Sehreck so iä>arwältigt, dass er, 
nachdem er die StOtze der M^oHa Valoren 
hdtte, zu taumeln begann und zu Bodm g«- 
sttset sem würd«», wenn de Wittwe nicht 
noch reditze^g herbe%eeilt Wääft tmd den 
Besimitmgslosen in ihren Armen angefangen 
halte» VfäJktead sie &) ia diesen wie em 
klemes Kind zu emem Sofk trug, sehlug er 
<lie Angoti wieder auf tmd als er die^ Wtttwe 
erkannte, lehnte er sdnen Kopf an Sven 
Buseft tmd ädizte: „Sckwa — ches Weibl<* 
^ Mute 9m behutsam die Treppe hinab, 
aber unten angekommen, seiAef er so fest, 
dass er in den Wagen getragen werden mnsste. 



\ 



vm. 




IcHWAPPEL war am nächsten Tage eben 
auf dem Wege zu Goldschein, als er 
'diesem begegnete. Sie gingen noch 
eine Stimde im Stadtparke spazieren und be- 
gaben sich dann zu Frau von Malzau, um 
sich nach ihrem Befinden zu erkundigen. 
Während sie im Parke umherschlenderten, er- 
klärte Schwappel, dass er sein bisheriges Zau- 
dern Leonien gegenüber aufgeben wolle und 
zum Angriffe überzugehen entschlossen sei. 
Er habe, als er das reizende Weib gestern in 
seinen Armen gehalten, geschworen, sie müsse 
die Seine werden. Er sei ihrer Keuschheits- 
komödie satt und nicht der Narr, auf die 
nächste Umarmung zu warten, bis ihr Kleid 
wieder in Brand gerathe, sondern ehe vier 
Wochen vergingen, müsse die Liebe sie wieder 



— 133 — 

in seine Arme führen und sie solle dann ihrer- 
seits den Brand löschen, der ihn zu verzehren 
drohe. 

Goldschein, der von seiner gestrigen Aus- 
schweifung noch sehr bleich aussah, war 
überaus kleinmüthig und beschwor Schwappel, 
nicht gewaltsam vorzugehen, Leonie werde 
ihm mit der Zeit gewiss entgegenkommen, er 
möge seine Sinnlichkeit bekämpfen, und er 
sprach von Gewissensbissen, die man sonst 
empfinde und seufzte dabei in höchst kläg- 
licher Weise. Er war nämlich gestern voll- 
kommen trunken nach Hause gekommen und 
als er Morgens aufwachte, erinnerte er sich 
dunkel, in den Armen der Majorswittwe ge- 
legen zu haben, und da ihm die Veranlassung 
hierzu aus dem Gedächtnisse entschwunden 
war, bildete er sich endlich ein, er habe die 
Wittwe gestern verführt und der Katzenjam- 
mer, den er empfand, sei nicht bloss ein phy- 
sischer, sondern auch ein moralischer. Doch 
war er, obwohl Schwappel ihm so offen seine 
Liebespläne erö&ete, zu zartfühlend, um 
diesem sein Glück oder richtiger sein Un- 
glück auch nur anzudeuten. Schwappel sah 



— 134 — 

Um, da er ilm so uxigewöbnliche Maximen 
ausbrechen hörte, überrascht an und rief: 

„Ich wollte, ich hielte schon bei den Ge» 
wissensbisseo, dexm diese stellen sich ja doch 
erst ein, wenn wir der Geliebten iU;>erdrüssig 
geworden sind nnd das Mitleid, das wir mit 
uns selbst empfinden, halten wir für eine Mah- 
nung unseres Gewissens." 

„Ach, der Gedanke, eäve bisher ehrbare 
Fi^au vom Wege der PÜcht abwendig gemacht 
zu haben, ist schrecklich, glaube es mir." 

„Zum Teufel, Du sprichst in einem Tone, 
dass man glauben sollte, Du habest ^st vor 
einer Stunde eine die Chauss4e der Pflicht 
wandelnde Tugend beschuldigt," 

Goldschein schüttelte melanobolisch den 
JLQpf und gii^ schweigsam neben dem 
Fieunde einher^ der in seinen cynisohen Aus* 
eainaodersQtzuqgen fortfuhr. 

Herr von .Malzau empfiug die beiden 
Freunde mit grosser Wärme und drückte 
Siphwappel nochmals den Dank füx die Hilfe, 
die er seiner Frau geleistet h^itte, aus: Leonie 
befinde sich ganz wohl, nur ihre Nerven 
seien noch etwas ang€$;riflen und sie könne 



- 135 - 

-daher heute keine Besuche empfangen. Doch 
werde sie wohl morgen so weit hergestellt 
sein, um nach Hietzing übersiedeln zu kennen, 
wo er die beiden Herren öfter bei sich zu 
sehen hoffe. 






IX. 

Ieonie hatte das Landhaus in Hietzing 
bezogen und genoss so die ländliche 
'Einsamkeit, nach der sie sich so sehr 
gesehnt hatte. War sie dieser ein wenig über- 
drüssig, so brauchte sie bloss vor die Thüre 
oder in den nur einige Schritte von ihrer 
Villa entfernten Schönbrunner Park zu gehen, 
um das plötzliche Bedürfniss nach Equipagen, 
eleganten Toiletten und Wiener Physiogno- 
mieen augenblicklich befriedigen zu können. 
Sie war übrigens auch nur durch eine kleine 
Gartenthüre von Frau Blum getrennt, die hier 
in der Zurückgezogenheit einige werthvoUe 
kunsthistorische Monographieen zu vollenden 
gedachte. War Leonie allein, so ging sie in 
ihrem schönen Ziergarten spazieren und 
pflückte zur Verzweiflung ihres Gärtners die 



\ 



— 137 — 

schönsten Blumen in demselben, oder lag in 
einem kleinen, unter Bäumen versteckten Pa- 
villon auf dem Sofa und las, schlief oder 
dachte an Schws^pel. Manchmal, namentlich 
in der Dämmerung, kam ihr sogar vor, als 
ob sie die liebe Schwappel's zu erwiedern 
vermöchte. Sie spielte auch hin und wieder 
die letzte Szene aus Wagner's „Siegfried" auf 
dem Klaviere, in der dieser jugendliche Recke 
durch die „wabernde Lohe" zu Brünhilden 
vordringt und diese in wilder LeidenschaMich- 
keit umarmt. Denn auch Schwappel hatte sie 
ja, als sie mitten in der wabernden Lohe ihres 
Musselinkleides sich befand, die Gefahr nicht 
achtend, ein anderer Siegfried, in seine Arme 
gepresst, und wenn auch die Anwesenheit von 
Zeugen Schwappel hinderte, dabei so liebes- 
brünstige Redensarten zu gebrauchen wie der 
Drachentödter Siegfried, so hatte sie doch aus 
dieser Umarmung ohne Worte nur zu lebhaft ge- 
ftlhlt, welche Gluth auch in seinen Adern tobte. 
In jenen schönen Augenblicken, m denen 
sie glaubte, dass sie Schwappel liebe, malte 
sie sich wohl auch in ihrer Phantasie das Glück 
aus, stets an seiner Seite zu leben, die Welt ver- 



- 138 - 

gcasend und von 9ir vergessen, ganz aUeio tmt 
ibm m da/cm stiMen Drdeowinkd, «uf dner 
Inad, das lauschende Meer zu ihren Füsseo, 
über dem die sdneienden Mdrea hinzidteov 
während nur ein in der Fexae wehendes Segel 
davon Kunde giebt, daas nodi andere Men* 
sehen anf dieser £rde kben. Man sagit» dast 
YerHebte sehr häufig solche Wunsche habeiit 
aher diese phantasiereicheo Leute Tei:ges9en 
in der Eegd, dass der Tag yienndzwanflig 
Stufidenhat, die auf einer einsaaen Insel auch 
mcht sdindkar veigehea als anderswo. 

Itei wird «8 hoecnach begMiflich äiden, 
daas Leosie ^ iSesellsdiaft ihres Maanfss 
vofö^dat zu YenmJden sachte. Dieser ^aod 
sehr zeilig iitogess auf^ und da Jjeosie dä^ 
sem Beispiele nicht folgte, trähstücktcn w 
mich nidrt geneinschafthch wie sonst Bein 
Mittagessen Uess sich är Mann oUeidings 
nickt tnngehen, aher sie suchte um dann 
wenigstens zu m^dem^ indem sie noch der 
Suppe in der Rc^el eii» Zeitung ssr Hand 
nahm, deren Artikel üir Intaesse jedesnial in 
so hohem Grade fesseiben, dass ein Psycho* 
löge daratts m($glicher Weise entnommen 



— 139 — 

bätte, sie leac cfieselben gar nicbt« Alaiends 
p&tg^ ikr Maim gswöhnlkdi einsn Spasier- 
gan^ in den nahen Scitönbrunner Garten zu 
EQochen. Sie hatte am ersten T^e aJ:>gdehnt, 
dexoelben xn bts^eken^ unter dem Vorwande, 
sie vermöge sich dort nie der Angst 211 er^ 
wehren, eines oder meharere der wüden Tfaiere 
der Mena^fie k^uiten plötelidi ans ihrem 
Räifige e]^a)mmen, und dann die Besucher 
des Gartens aoreissen. Als aber Frau Blum 
Herrn von Malsau begleitete, um ihm die 
Manxhorstatuen Bayerns im SchloBsparterre, 
über die de eine kleine Abhandlung zn 
sckoftSben voiiiatte, xa erläutern, tmd so 
dessen noch sdilQmmerades Interesse im 
Skulptur zu wecken, und sidi im unter Röck« 
k^ir mit fgrosaer Befriedigung tiber dfaa Ge^ 
schmack jtusserte, dem er bei Betrachtung 
der Stvbtie ednor Ny!mphe an den Tag gelegt 
hatte, entscUoss sich Leome, zur Aufrecht» 
hatong ihrer Würcte ihren Mann judit me^ 
in der ^atleiBigen Gesdkchift der Frau Blum 
N^mphenstatttoii l^elradtten zu lassen, son* 
dem Ton mm an diesen hmistwisseMBchaft* 
lidien "SpaziergäBgen bdzuwolmen. Herr von 



— I40 — 

Malzau hatte wohl noch einige Male seine 
Frau zu überreden versucht, ihren Aufenthalt 
auf dem neuen Gute zu nehmen, allein Leonie 
war es müde geworden, gegen solche ab- 
geschmackte Vorschläge Gegengründe anzu- 
bringen, sondern sie begnügte sich, sanft den 
Kopf zu schütteln oder gar zu gähnen. 

Schwappel war Anfangs Willens, Leonie 
die ernste Wendung, die seine Leidenschaft 
für sie genommen hatte, schriftlich zu erklä- 
ren und sie so zu veranlassen, ihm zu ant- 
worten imd ein Dokument über ihre Gegen- 
liebe in die Hand zu liefern. Er hatte sich 
auch wiederholt an den Schrdbtisch gesetzt 
und alle ihm so geläufigen Tonarten einer 
Liebeserklärung versucht: er schmollte, weinte 
und flehte; er war rasend und zerschmolz; 
er schwamm in Wonnen und brannte vor 
Sehnsucht; er jauchzte und war verzagt: nur 
sie war es, durch die er noch lebte, und sie 
war schuld, wenn er vor der Zeit ins Grab 
sank; er nannte sie demüthig „gnädige Frau!" 
und siegesgewiss „meine Sieglinde!" Aber 
er vernichtete alle diese Liebesbriefe wieder, 
sobald er sie geschrieben hatte, denn er fand, 



— 141 — 

dass keiner derselben, und wenn er ihm auch 
Anfangs noch so gelungen erschienen war, 
den Zauber, den seine Persönlichkeit übte, 
zu ersetzen vermochte. So fuhr er denn eines 
Abends nach Hietzing, aber nicht in Beglei- 
tung seines Freundes Goldschein, denn dieser 
litt, seitdem er sich in dem Wahne befand, 
die Majorin sei ein Opfer seines verhängniss- 
vollen Sinnenrausches geworden, an einem 
schleichenden Gewissensfieber. Er belästigte 
Schwappel fortwährend mit Ermahnungen, 
so dass dieser behauptete, die Majotin habe 
dies verschuldet, indem sie ihm heimlich einen 
platonischen Liebestrank beigebracht habe. 

Da Herr von Malzau eben im Begriffe 
war, .mit seiner Frau und Frau Blum den 
gewohnten Spaziergang in den Schönbrunner 
Garten zu unternehmen, als Schwappel seinen 
Besuch machte, schloss sich dieser ihnen 
an, und während Frau Blum mit Herrn von 
Malzau, dessen Arm sie genommen hatte, 
voranging, folgte er mit Leonie, neben der 
er, während sie sich bemilhte, unbefangen zu 
plaudern, gesenkten Hauptes einherschritt. 
Die Sonne war im Untergehen, als sie durch 



142 — 

den langen sdiattigtii Baoraging schrkten, 
<kr fctm Parterre öes Schlosses führt, von 
den grüben Bsomwänden lieselte das. Gold 
d^ letzten SonaenstraMen, der lebe Abend- 
wind, der nän eiiioben faotte, itnkreo^ die 
DCtfbe, die er, i&er die Bktinenbeete herrlkiier 
Gärten dahimieliend, gesammelt hotte, uad 
nie QBter seinem Wehen dos- Laub zu flttstem 
begann, flogen dfe^ Amsehi auf wmd sangen 
von den BaamwipMe mit hdier FlOOmstiHMae. 
Die beiden Paare tratet» $ß»s der Attee heraus 
in das Parterre, das jetzt h» Aben<ko4he da- 
lag, denn das gletssevde SoHtteolicht wmr 
verglomcMn, vmd nm em sohmoles w» iwe s 
Wolkenband, dds in der Feme flatterte, trug 
noch emen goMg schimmemde» Raatd. 
Durch die hohen Wölbaogen der hn Mfaxtei^ 
gründe aufragenden Gkviette strtaHe die 
rosige Fluth hereki, die den weisse» Mmwot- 
bädem in den grthien Baummechen unten 
Leben dnhauchle. Es war, als ob die sehöae 
Helena endlich doch erröthetr, das» ae mth 
Ton dem Thunich^tft Pans cHiflfln 'e n lasse; 
man koimte glauben, Mucius Scävo(a habe 
sich pldtzlidi entschlossen, die ungföcksdige 



— 143 — 

Rechte, ^ er so lange itber da« kalte Kohlen^ 
becken gnhaH^i, ncmmela: wkidkh zu brateß, 
denn man sah deodich des Wiederscliem der 
Flamme in temem Gesiehte; und es drängte 
sich Jedem die Ueberseogmig aitf , dass der 
aifce Anehises do^ bedeutend sdiwerer sem 
müsste, äk leicditlertige F^usde des AHer- 
dimns in der Regel omiehmefi, da seinem 
gciriss kräfdgen Sokne Aeneas schon bei dem 
Versodie, ihn in die Hl^e zu he^n, das 
Mut 90 in die Wangen stieg. 

Gleich den anderen Marmotf^dera war 
auch Leonie rosig angehaüdvf, so das« es, da 
sie gerade von Üimr nor alle« herben Edsth- 
TungCA sprach, mridich schien, i^ sei ihr 
saBftffietsen^s Blut in WsJ&mg gerathen und 
Indbe ihre sdiöne» Wangen out der fieblichen 
Farbe dei Striegäieit geftrbC fiir Mansi weu: 
mit Frau Bluasi bei dem Bafisin am Fusse der 
Terrasae, die pm GlorietCe aufsteigt, «ige^ 
langt, und gie wafe» himmgeschrkten, um die 
TntcseD «nd 6eep£erde, die sic^ im Hmter- 
grande des Bassins efkeben, näher betra<^en 
SU kiMQaen. Leoi^ und Schwappet wairea 
2afäckgebliebe% und da dieser fsA, dass sie 



— 144 — 

nicht beobachtet werden konnten, unterbrach 
er plötzlich Leonie in ihrer Leidensgeschichte 
und rief mit zitternder Stimme: 

„Ach, theure Leonie, lassen Sie mich 
Ihrem gequälten Herzen den Trost bieten, 
den es bedarf I Suchen Sie <& Linderung 
Ihrer Leiden an meiner Brust! Meine Liebe 
soll Urnen Ersatz bieten fUr die Täuschungen, 
die Sie erfahren. NeinI nicht Ihretw^en 
lieben Sie mich, ntir um mich zu retten, er- 
wiedem Sie endHch die Liebe, die mich er- 
füllt hat vom ersten Augenblicke an, da ich 
Sie gesehen, die mich so selig macht \mä 
doch zur Verzweiflung treibt!" 

Und dabei fasste er ihre Hand und drückte 
mit wildem Ungestüme zahllose Küsse darauf, 
die er nur unterbrach, um sie mit seinen 
glühenden Augen zu verschlingen. Leonie 
dachte in ihrer Ueberraschimg nicht mehr 
daran, dass sie noch vor eimgen Stunden die 
Liebe Schwappel's zu erwiedem glaubte, und 
selbst die einsame Insel, nach der sie sich ge- 
sehnt hatte, war in das Meer der Vergessenheit 
gesunken. Sie war erschrocken über die Leiden- 
schaftlichkeit, mit der Schwappel ihre Hand 



— 145 - — 

küsste, und noch mehr darüber, dass er sie 
meine Leoniel genannt hatte. Meine Leoniel 
nach so kurzer Bekanntschaft. Ach, sie hatte 
sich in Schwappel getäuscht ! Sie ganz einfach 
bei ihrem Vornamen zu nennen, war ein Vor- 
recht, das sie ihm zu gewähren, sich für ihre 
alten Tage aufgehoben hatte. Sie versuchte ihm 
ihre Hand zu entziehen, aber er Hess diese 
nicht los, sondern küsste sie nur mit grösserer 
Heftigkeit, und presste sie, in den Pausen, 
wenn er nach Luft schnappte, an sein Herz. 

„Ich darf Dir Geständniss nicht hören", — 
stammelte Leonie, ,4ch will versuchen zu 
glauben, ich hätte es nicht vernommen, — 
die 2^it wird Ihren Schmerz lindem." 

Doch Schwappel wollte den günstigen 
Augenblick ausnützen, er fasste sie um den 
Leib und weiss der Himmel, welche kühne 
That er gewagt hätte, wenn er nicht plötzlich 
die schrille Stimme der Frau Blum, Leonie! 
Leonie! rufen gehört hätte und die Urheberin 
des Gekreisches, sowie das dicke Gesicht des 
Herrn von Malzau hinter einem Seepferde 
sichtbar geworden wären, Leonie machte 
sich von Schwappel, der seine Liebeserklä- 

lO 



— 146 — 

rungen wiederholte und sie beschwor, ihm 
ein Stelldichein zu gewähren, los und lief die 
Terrasse hinan, so dass sie oben athemlos 
ankam. Schwappel murmelte einige Worte 
für sich, und da es zu den Pflichten des Er- 
zählers gehört, nichts zu verschweigen, was 
für die Beurtheilung seiner Helden von Wich- 
tigkeit ist, so müssen wir, wie imangenehm 
tms auch diese Aufgabe gerade unter den 
gegenwärtigen Umständen ist, doch mittheilen, 
dass Schwappel nicht etwa eine jener 
Hyperbeln für sich flüsterte, mit denen Veiüebte 
in den Augenblicken des höchsten Entzückens 
die Angebetete begrüssen, und dass es auch 
keine Ovation war, die er der Tugend Leoniens 
darbrachte, sondern dass er, sich leider hatte 
hinreissen lassen, seiner verzweifelten Stim- 
mung durch die Worte: Abgeschmackte Ko- 
kette! Ausdruck zu geben. Als Frau Blum 
Leoniens ansichtig wurde, rief sie angstvoll: 

„Um des Himmels Wülen beeilen Sie sich, 
sonst beisst mich das Ungeheuer!" 

Nachdem sich Leonie zu ihrer Beruhigung 
überzeugt hatte, dass kein Löwe oder Tiger 
die Gitter seines Käfigs in der Menagerie 



— 147 — 

durchbrochen hatte, um sich hier der wieder- 
gewonnenen Freiheit zu erfreuen und ihre 
Freundin zu zerfleischen, erkannte sie, dass 
das Ungeheuer, das Frau Blum zu beissen 
beabsichtige — ihr Mann sei. Dieser stand 
nämlich hinter Frau Blum und war in einer 
höchst verfönglichen Hantierung begriffen. 
Denn während er mit der Rechten deren Leib 
von rückwärts fest umschlungen hielt, hatte 
er mit der Linken seinem unglücklichen 
Opfer sein Spazierstöckchen in den Nacken 
gesteckt, als wenn er mit dem Senkblei ge- 
naue Tiefmessungen vorzunehmen beabsichtigt 
hätte. Da Leonie hieraus entnahm, dass ihr 
Mann den Verstand verloren habe, begrüsste 
sie diese Entdeckung mit einem Wehgeschrei. 
Sie fand aber rasch ihre Geistesgegenwart 
wieder, und da sie wusste, dass er in hohem 
Grade kitzlig sei, und zwar namentlich unter 
den Armen, umklammerte sie ihn ebenfalls 
von rückwärts mit beiden Armen, und^ begann 
ihn mit ihren zarten Fingern in den Achsel- 
höhlen zu kitzeln, um ihn so zu zwingen, seine 
Beute fahren zu lassen. 

Allein diese Bemühungen, das Ungeheuer 

lO* 



_ 148 — 

zu bändigen ) hatten gerade den entgegen* 
gesetzten Erfolg, denn kaum üMte Herr von 
Malzau den Kitzel, und gerade an den em- 
pfindlichsten Stellen seines Körpers, 30 ge* 
berdete er sich wie ein Besessener. Er brach 
in ein krampfhaftes Gelächter aus, während 
sein Leib sich in Zuckungen krümmte, und da- 
bei knickten seine Kniee fortwährend ein, so 
dass Frau Blum, die er nicht losgelassen hatte, 
bei jeder solchen Kniebewegung nach vor- 
wärts gestossen wurde. Diese, die sich die 
Vorgänge hinter ihrem Rücken nicht zu er- 
klären vermochte, schrie endlich, Herr von 
Malzau möge solche unwürdige Spässe sein 
lassen! Aber dieser hatte alle Herrschaft über 
sich verloren, und in Folge einer convulsivi- 
schen Bewegung seiner Hand, stiess er jetzt 
das Spazierstöckchen, das er nicht losgelassen 
hatte, so tief in den Rücken der Frau Blum 
hinunter, dass diese das Gleichgewicht verlor. 
Da sie sich jedoch während des Fallens an das 
Bein ihres Quälers klammerte, während dieser, 
der den Kitzel nicht länger zu ertragen ver- 
mochte, mit seinen Oberarmen die zwischen 
denselben befindlichen Hände Leoniens so 



— 149 — 

presste, dass sie sich nicht zu rühren ver- 
mochte, stürzten alle Drei übereinander zu 
Boden. 

Schwappe!, der ergrimmt über seinen 
ersten Misserfolg bei dem Bassin zurück- 
geblieben war und dort wüthend dem lustigen 
Treiben der Fische zusah, hörte jetzt das 
Geschrei, das die beiden Frauen ausstiessen, 
als sie fielen, und weidete sich, die Terrasse 
hinansteigend, an dem Schauspiele, das 
sich ihm bot Am Unglücksorte angelangt, 
richtete er erst Leonie auf, nachdem er vorher 
die Unordnung, in die ihre Toilette gerathen 
war, ziemlich umständlich beseitigt hatte. 
Dann half er ihrem Manne auf die Beine, und 
im Vereine mit diesem fasste er Frau Blum, 
deren Leib in Folge des Spazierstockes in 
ihrem Rücken unbeweglich war, und die da- 
her nur mit grosser Vorsicht aufgehoben 
werden konnte. Leonie kam ihrer Freimdin zu 
Hilfe und zog mit Anwendung aller ihrer Kraft 
den Stock aus dem Kleide, wobei gleichzeitig 
ein Regen^nrurm herausgeschleudert wurde, der 
an dieser verhängnissvollen Szene die Schuld 
trug. Denn während Frau Blum Herrn von 



— i5o — 

Malzau die ästhetische^erechtigung der Fisch- 
schwänze bei den Tritonen zu erklären versucht 
und sich dabei vorgebeugt hatte, war ihr ein 
Thier in den Rücken geschlüpft, das nach ihrer 
Behauptung nur eine Natter sein konnte und 
von der sie auf ihr Verlangen Herr von 
Malzau mit dem silbernen Hakengriffe seines 
Spazierstockes befreien wollte, da kein weibli- 
ches Wesen zugegen war, um sie aufeuschnüren. 
Herr von Malzau erlaubte sich einige 
hämische Angriffe auf die beiden Frauen, 
deren überreizte Phantasie schon neulich nach 
dem Diner und heute wieder zu so lächer- 
lichen Verwirrungen Anlass gegeben habe. 
Er behauptete, die Frauen würden durch die 
Texte Richard Wagner's ebenso verrückt ge- 
macht, wie der Ritter von la Mancha durch 
das Lesen von Rittergeschichten, ja er ging 
in seinem Mangel an Zartgefühl so weit, seine 
Frau sowohl wie Frau Blum die beiden weib- 
lichen Don Quixote zu nennen, Frau Blum 
benützte diesen Anlass, um ihre Bewunderung 
für die Zeichnungen Dor^'s zum Don Quixote 
Ausdruck zu geben, Leonie aber erschien in 
Folge dieser Misshandlung von Seite ihres 



— iSi — 

Mannes das Vergehen Schwappel's in einem 
milderen Lichte, und obwohl sie ihn beim 
Abschiede vorwurfsvoll anblickte,so erwiederte 
sie doch, wenn auch kaum wahrnehmbar, 
den Druck seiner heissenHand. 



X. 




Majorswittwe hatte in einer der 
Seitenstrassen der Vorstadt Mariahilf, 
lund zwar in der Nähe der grossen 
Kaserne (kselbst, im zweiten Stockwerke eines 
sauberen und freundlichen Hauses, ihr Haupt- 
quartier aufgeschlagen, wie sie ihre kleine Woh- 
nung nannte. Dies bestand aus zwei Zimmern 
imd einer Küche, sowie einem kleinen Zimmer 
für die Dienerschaft, nämlich für die Köchin, 
Kammerjungfer und Gesellschafterin, welche 
drei Aemter jedoch von der Wittwe eines 
Feldwebels versehen wurden und die daher 
die Majorin ihren Generaladjutanten nannte. 
Die beiden Zimmer der Majorin hatten ein 
entschieden militärisches Gepräge. Ueber 
ihrem Bette im Schlafzimmer befonden sich 
zwei grosse Lithographien. Die eine stellte 



- i53 - 

die Vorderansicht der Militärakademie in Wiener 
Neustadt dar, sowie das bewegte Treiben 
vor derselben, nämlich zwei Lieutenants, von 
denen der eine mit jener Urbanität, die dea 
Grossstädter verräth, den anderen um Feuer 
für seine Cigarre ersuchte, sodann einen Ein- 
geborenen, der einen grossen, von Ueberfluss 
zeugenden Koffer auf einem Schiebkarren 
führte, und in der Feme eine dahinjagendfe 
Equipage, deren Vornehmheit das glänzende 
gesellschaftliche Leben Neustadts errathen 
Hess. Die zweite Lithographie bot dem pietät- 
vollen Beschauer die rückwärtige Ansicht der 
Militärakademie, die allerdings durch ihre weit 
bescheidenere Architektur den Blick nicht in 
gleicher Weise zu fesseln vermochte, wie die 
vordere Ansicht, dagegen aber durch die 
Rühe, die hier die ländliche Gegend athmete, 
sowie durch zwei aufstrebende Akazienbäume 
einen unwiderstehlichen Zauber auf das Ge- 
müth übte. Die lebenden Wesen waren hier 
nur durch einen Hund repräsentirt, dessen un- 
leugbare Intelligenz ein längeres nahes Zusam- 
menleben mit einem höheren Stabsoffizier, dem 
er wahrscheinlich angehörte, deutlich verrieth. 



— i54 — 

Das zweite Zimmer, das Speise-, Arbeits- und 
Besuchszimmer der Majorin, war braun tapeziert 
und hatte blaue Möbel, so dass die Majorin, 
da unsere Artilleristen ebenfalls mit braunen 
Waffenröcken tapeziert und mit blauen Hosen 
möblirt sind, das Zimmer kurzweg das Arsenal 
nannte. Der militärischen Adjustirung des Zim- 
mers entsprachen aber auch die kriegerischen 
Vorgänge an den Wänden, auf denen die 
KLriegsfurie förmlich herumkletterte. Die Land- 
schaften, die man hier sah, waren ganz in 
Pulverrauch gehüllt imd kein anderes Grün 
erfreute das Auge, als das der Federbüsche 
unserer siegreichen Generale. Nur ein Major 
mit einem Schnurrbart von ermüdender Länge, 
der inmitten dieser blutigen Kämpfe sich be- 
fand, hatte seine Gemütsruhe nicht verloren. 
Keine Fiber zuckte in seinem Angesichtel, ja, 
seine Blicke verriethen mehr Befriedigung als 
Aufregung und nur seine Nase war schwach 
geröthet, aber auch daran trugen die Blitze, 
welche die Feuerschlünde schleuderten^ keine 
Schuld. Es war ein Aquarellporträt des ver- 
storbenen Mannes der Majorin, das in der 
Mitte der Schlachtenbilder hing, das Werk 



— iS5 — 

eines kunstsinnigen Lieutenants seines Regi- 
ments. Auf dem Schreib- und Arbeitstische 
beim Fenster standen auf der einen Seite die 
sämmtlichen Werke Schiller's in vaterlän- 
dischem Nachdrucke, auf der anderen Seite 
die hinterlassene Bibliothek des Majors: ein 
Militärschematismus, ein ^erzierreglement 
und der Schwanengesang eines der Infanterie 
nur zu früh entrissenen Talentes: „Ueber die 
Berittenmachung der Hauptleute." Zwischen 
den Werken Schiller's und jenen kriegswissen- 
schaftlichen stand ein Amor aus Chokolade, 
dem jedoch in Folge eines Versuches der 
Majorin, zum Vesperbrod sauere Milch zu 
nehmen, und da sie sich Nachts kein anderes 
Stopfmittel zu verschaflfen gewusst hatte, ein 
Flügel fehlte. Ausser einer Schreibmappe 
und einem Tintenfasse, das eine Elanone vor- 
stellte, befand sich auf dem Tische nur noch 
ein Arbeitskörbchen von sonderbarem Aus- 
sehen. Obwohl aus demselben ein begonnener 
Strumpf, Strickwolle, Nähnadeln u. s.w. hervor- 
lugten, würde ein gelehrter Hutmacher dennoch 
in dem Korbe einen alten Tschako des Majors 
erkannt haben, von welchem der Schirm sowie 



— i56 — 

die militärischen Zierrathen entfernt worden 
waren. 

Am zweiten Tage nach dem Diner bei 
Herrn von Malzau, das so tragisch geendet 
hatte, sass die Majorin gegen zehn Uhr Vor- 
mittags bei ihrem Arbeitstischchen und strickte. 
Obgleich sie aufmerksam den Strumpf betrach- 
tete, der seiner Vollendung entgegen ging, 
schien sie doch nicht an denselben zu denken, 
da dieser, nachdem alle Schwierigkeiten über- 
wunden waren, doch eher zu einer gehobenen 
Stimmung seiner Urheberin Veranlassung 
geben konnte, als zu einer elegischen, die 
Majorin aber leise seufzte. Hin und wieder 
warf sie auch einen verstohlenen Blick auf 
das Porträt des Majors an der Wand. Aber 
dieser sah heute wie sonst behaglich den 
blutigen Schlachten zu, die rings um ihn ge- 
schlagen wurden und ahnte wohl nicht den 
schweren Kampf, der in dem Busen seiner 
Wittwe entbrannt war. Die Majorin legte 
eben den Strumpf bei Seite und stützte die 
Wange in die Hand, als das Umdrehen eines 
Schlüssels in der Wohnungsthüre' hörbar 
wurde und bald darauf der Generaladjutant, 



I 



- i57 - 

der auf den Markt gegangen war, um dort 
Lebensmittel für das heutige Mittagessen zu 
fouragiren, mit einem grossen Einkaufskorbe 
hereinsprengte und diesen auf den Speisetisch 
stellte. Dann nahm er zwei riesige Gurken 
aus dem Korbe und reichte sie mit trium- 
phirender Miene, als wenn er sie einer feind- 
lichen Schwadron nach erbittertem Kampfe ab- 
genommen hätte, der Majorin, welche diesel- 
ben mit ungeheucheltem Interesse betrachtete. 

„Rathen Sie einmal, Frau Majorin, wer 
Ihnen die zwei Grenadiere schickt?" rief 
die Köchin, indem sie die wettergebräun- 
ten Arme in die Hüften stemmte und dabei, 
wie um die Auflösung des Räthsels zu er- 
leichtem, den Mund wie zu einem Kusse zu- 
spitzte. „Feuer! Feuer!" fuhr sie fort, als 
die Majorin statt jeder Antwort die Gurken 
wie Zwillinge an ihr Herz drückte. 

„Errathen, Frau Majorin, es ist der Herr 
Goldschein. Jesus, er sieht selbst so grün 
und gelb aus wie eine Gurke!" 

„Er strengt wahrscheinlich", lispelte die 
Majorin, „mit der Oper, die er komponirt, 
den Geist zu sehr an." 



\ 



— i58 — 

„Ach Gott, nein, Frau Majorini Mein 
Seliger hat auch, wie er noch im Monturs- 
depot manipulirender Feldwebel war und den 
ganzen Tag sitzen und schreiben und Fäust- 
linge addiren und Matratzen multipliciren hat 
müssen, seinen Geist zu sehr angestrengt, aber 
im Gesicht hat man ihm nichts angemerkt. 
Nur, wie es ihn immer mehr gejuckt und ge- 
brannt hat und er endlich gar angefangen hat, 
unschuldiges Blut zu vergiessen, bin ich mit 
ihm zu unserem Oberarzt gegangen, der bei 
mir hat waschen lassen, und dieser hat gleich 
den richtigen Verdacht geschöpft und mich, 
obwohl ich die rechtmässige Frau war, im 
anderen Zimmer warten lassen. Und wie ich 
wieder zurückgekommen bin, hat mein Seliger 
die Hämorrhoiden gehabt, so dass wir Beide 
dem Herrn Oberarzt für die gnädige Strafe 
gedankt haben« Aber der Herr Goldschein ist 
verliebt, Frau Majorin, und sieht nur aus un- 
glücklicher Liebe wie eine Gurke aus." 

Die Majorin hielt sich eine Gurke wie ein 
Femrohr vor das Auge, aber sie wusste wohl, 
dass diese nicht durchsichtig sei, sondern 
wollte nur ihre Befangenheit in dieser unauf- 



— i59 — 

falligen Weise vor ihrem Generaladjutanten 
verbergen und fragte lachend: 

„Woher weisst Du denn das Alles, Lisi? 
Der Herr Goldschein sitzt doch nicht gar aus 
unglücklicher Liebe auf dem Markt und ver- 
theilt dort statt seiner Photographien Gurken, 
die ihm ähnlich sehen?" 

„Woher ich das Alles weiss? Ich habe 
gerade die zwei Gurken angesehen, die mir 
aufgefallen sind imd gefragt, was sie kosten 
und war darüber erschrocken, dass sie so 
theuer waren. Da hat mir Einer von rück- 
wärts auf die Schulter geklopft und wie ich 
mich umgedreht habe, ist der Herr Gold- 
schein, in seiner natürlichen Grösse, neunund- 
fünfzig Zoll hoch neben mir gestanden, weü 
er mich im Vorbeigehen gesehen hat. Darauf 
hab' ich gesagt: Jesus, Herr Goldschein, wie 
Sie einen erschrecken! Aber er war ganz 
ti^urig, sonst hätte ich lachen müssen, so ko- 
mische Fragen hat er an mich gestellt: ob ich 
seit zwei Tagen keine Veränderung an Ihnen 
gemerkt habe? Und dann wieder: ob Sie sich, 
wie Sie vom Diner bei Frau von Malzau nach 
Hause gekommen sind, in^s Bett gelegt haben, 



— i6o — 

oder die ganze Nacht im Zimmer herum- 
gegangen sind mit aufgelöstem Haar und da- 
bei die Hände gerungen haben? Und ob Sie 
nicht verweinte Augen haben und nichts essen 
wollen, oder manchmal plötzlich die Hände 
vor^s Gesicht halten und schluchzen? Ich habe 
gesagt, dass ich bisher noch nicht gemerkt 
habe , dass die Frau Majorin verrückt gewor- 
den ist und dass Sie schlafen und Appetit 
haben und dass mt heute eine Gans mit 
Gurkensalat essen werden, auf die Sie sich 
schon sehr freuen, dass aber die Gurken jetzt 
noch sündhaft theuer sind. Gott sei Dank, 
hat er gesagt, jetzt fällt mir ein Stein vom 
Herzen. Darauf hat er die Gurken gekauft 
und sie mir in den Korb gelegt und wie 
ich gesagt habe, die Frau Majorin würde 
böse sein, dass ich das Geschenk annehme, 
hat er gemeint, Gurken seien auch nur 
Pflanzen imd man könne sie daher eben^ 
annehmen, wie andere Blumen, was ich auch 
eingesehen habe. Dann hat er mich gebeten, 
der Frau Majorin nichts zu erzählen von 
unserem Gespräche und mir zwei Gulden 



/ 



— i6i — 

geschenkt, damit ich mir dafür etwas kaufe, was 
ich ihm auch versprochen habe und dann — " 

„O, Du kennst nicht die Männer, Lisi! 
Herr Goldschein glaubt, ich sei in ihn verliebt 
und er wäre stolz darauf, wenn eine einsam 
dastehende Wittwe seinetwegen keine Lust 
zum Essen und Schlafen hätte, aber er ist 
deshalb doch kalt wie ein Kieselstein. Wenn 
die Männer unglücklich verliebt sind^ dann 
schwimmen sie wie Leander zu ihrer Ge- 
liebten so lange hinüber, bis sie einmal er- 
trinken, oder sie quartieren sich doch we- 
nigstens wie der Ritter Toggenburg vis ä vis 
von der Geliebten ein und sehen ihr immer 
in die Wohnung hinein." 

„Was, Frau Majorin, erwiederte der Ge- 
neraladjutant gekränkt, „wenn man so lange 
für die Herren Offiziere gewaschen hat wie 
ich, da soll man die Männer nicht kennen? 
O, wenn ich nur die Wäsche von einem Mann 
sehe, dann weiss ich Alles, ob er massig ist 
oder unmässig, ob er verliebt ist oder nicht, 
ob er Courage hat oder sich fürchtet, und 
wenn ich auch für den Herrn Goldschein nie- 
mals gewaschen habe, so weiss ich doch, 

II 



— 102 

dass er unglücklich verliebt ist. Und in wen, 
wird gewiss in dem Briefe stehen, den er mir 
für die Frau Majorin gegeben hat^S ^^^ dabei 
zog sie einen Brief aus der Tasche und hielt 
ihn triumphirend in die Höhe. 

Die Majorin entriss mit einem kleinen 
Entrechat, das einem Panther Ehre gemacht 
hätte, dem Generaladjutanten denBrief und rief: 

„Jetzt erst gibst Du mir den Brief, wo jede 
Minute so kostbar ist" 

„Seien Sie ganz ruhig, Frau Majorin, er 
wird sich inzwischen in keine Andere verliebt 
haben. Doch ich muss .endlich einmal in die 
Küche und daran denken, abzukochen, sonst 
haben wir zum Mittagessen aus lauter Liebe 
hartes Rindfleisch." Und damit verliess sie 
das Zimmer. Nur bei der Thüre wandte sie 
sich noch einmal um und- führte, ohne von 
der Majorin, die bereits im Lesen vertieft 
war, bemerkt zu werden, dort eine Pantomime 
auf, indem sie darstellte, wie sie mit einer 
Flinte auf die Majorin anlegte und ihr gerade 
aufs Herz zielte. 

Die Majorin las den Brief Anfangs nur 
mit Staunen, das später in ein bedenkliches 



— i63 — 

Kopfschütteln überging, bis sie am Schlüsse 
hocherfreut vom Stuhle aufsprang, den Brief 
eim'ge Male an ihre Lippen drückte und dann 
im Walzerschritte durch das Zimmer hüpfte. 
Der Brief aber lautete: 

„Hehrstes, wonnigstes WeibI 
Obwohl mich der Minnetraum, den ich 
vor Kurzem in den Armen des seligsten 
Weibes geträumt, zum Glücklichsten aller 
Sterblichen gemacht hat, so passt diese letzte 
Bezeichnung doch nicht ganz auf mich. Denn 
bei näherer Betrachtung bin ich gar nicht 
glücklich, wenn ich aji die kummervollen Stun- 
den denke, die die blühende Brunst eines un- 
überlegten Augenblickes dem schwachen Weibe 
verursacht hat, der sich bisher scheu die Hel- 
den neigten und die den Verführungskünsten 
eines Trauten erlegen ist. Als ich aus dem 
bewussten Traum erwachte, fragte ich mich 
erschrocken: wo bin ich? Leider aber war 
es, wie dies meistens nach so wonnigen Er- 
eignissen der Fall zu sein pflegt, schon zu 
spät. Das Bewusstsein aber, eine Lüie in 
illegitimer Weise geknickt zu haben, erfüllt 

mich mit Reue. 

II* 



— 104 — 

O, könntest Du unparteiisch in mein Herz 
sehen, Du würdest zugeben müssen, dass es 
eine Parallele mit keinem auch noch so ge- 
brochenen zu scheuen hat. Ich weiss wohl, 
dass sowohl der Siegmund wie der Siegfried 
Richard Wagner's in einer ähnlichen Lage 
keine Gewissensbisse empfinden, aber ich sehe 
immer mehr ein, dass ich kein Urgermane 
bin, der sich nichts daraus macht, jetzt ein 
geliebtes Weib unglücklich zu machen und 
dann wieder einen alten Bekannten todt- 
z^schlagen. 

Doch ich will wenigstens nicht die Hände 
müssig in den schuldigen Schoss legen, son- 
dern sie Dir reichen zu einem Minnetraum 
für's ganze Leben. Zürne mir daher nicht 
länger, erhöre mein Flehen und werde mein 
Weib. Indem ich im Geiste anbetend zu 
Deinen Füssen niedersinke, bitte ich Dich, 
mir noch heute zu antworten, dass Du meinen 
Heiratsantrag annimmst, und verbleibe, so 
lange ich Dein Jawort nicht schwarz auf weiss 
vor mir habe 

Dein unglücklicher Wehwalt 
Max Goldschein." 



— i65 — 

„Das Eine geht wenigstens aus dem Briefe 
hervor", sagte die Majorswittwe, indem sie 
sich ^um Schreibtische setzte und ein Blatt 
Briefpapier zurechtlegte, sowie eine Feder 
zur Hand nahm, „dass er mich unter allen 
Umständen heiraten will. Von allem Uebrigen, 
von dem Minnetraum, den Verfiihrungskünsten, 
der Lilie und der Reue verstehe ich eben so 
wenig, wie ein Rekrut von einem Armee- 
befehl. Der gute kleine Goldschein! Wahr- 
scheinlich sind das lauter Anspielungen aus 
Wagner'schen Opern und er glaubt, dass er 
mir damit eine Freude macht. Es scheint, 
dass er neulich, wie ihm der Wein zu Kopfe 
gestiegen ist, bei Nacht von mir geträumt hat 
und sich im Traum einige Freiheiten gegen 
mich herausgenommen hat. Als ob man 
nicht wüsste, dass die Männer keine Heiligen 
sind! Und sie tauchte die Feder ein und 
schrieb: 

„Bester Herr Goldschein! 

Ihren Brief mit dem für mich so schmei- 
chelhaften Heiratsantrag, sowie die beiden 
Gurken, die ebenfalls jetzt, wo die Saison für 
dieselben noch nicht gekommen ist, eine sehr 



— i66 — 

zarte Aufmerksamkeit sind, habe ich durch 
meine Lisi jerhalten. Wenn ich Sie auch vom 
ersten Augenblicke unserer Bekanntschaft an 
immer für einen Mann mit reellen Absichten 
gehalten habe, so hat mich Ihr Heiratsantrag 
doch in eine sehr grosse Aufregung versetzt. 
Mein Mann, der mir in früheren Zeiten immer 
als treuer Räthgeber zur Seite stand, ist, wie 
Sie wissen, leider todt und so habe ich Nie- 
manden, den ich in einer so wichtigen An- 
gelegenheit, wie diese ist, um Rath fragen 
könnte. 

Auch lag mir aus leicht begreiflichen 
Gründen das Militär immer näher als das 
Civil und ich habe mich daher noch niemals 
so recht mit dem Gedanken vertraut gemacht, 
einen Civilisten zu heiraten, der für mich das 
verschleierte Bild zu Sais ist, von dem man 
nach unseres Schiller's Ballade nicht weiss, 
was dahinter steckt. Ungeachtet dieser Zweifel 
halte ich es für meine Pflicht, wenigstens das 
Vertrauen, das Sie in mich gesetzt haben, zu 
erwiedem und bin daher so frei, von Ihrejn 
Heiratsantrag Gebrauch zu machen und Ihnen 
mein herzliches Jawort, auf das Sie in Ihrem 



f 



jj 



— 167 — 

Schreiben so ernstlich reflektiren, noch mit 
der heutigen Post rekommandirt zuzusenden. 

Ihre Mittheilung, dass Sie von mir in sehr 
eingehender Weise geträumt haben, ist mir 
zwar, da sie Anspielungen auf Opern von 
Wagner enthält, die ich noch nicht gehört 
habe, nicht ganz klar, doch will ich jetzt, da 
ja doch keine Geheimnisse mehr zwischen 
uns vorkommen sollen, nicht länger ver- 
schweigen, dass ich schon vor ungefähr vier 
Wochen auch einmal von Ihnen geträumt 
habe und ich kann Ihnen nur zu Ihrem Lobe 
nachsagen, dass Sie sich in meinem Traum 
immer sehr anständig betragen und mir keinen 
Grund zu irgend einer Beschwerde gegeben 
haben. 

Und nun, da ich für immer die Deine bin, 
lebe wohl! Ich baue nicht nur auf Dein 
Wort, sondern auch auf jenes unseres mir 
ebenfalls so theuren Schiller's: 

Ich mag's und wiU's nicht glauben, 
Dass mich der Max verlassen kann. 

Näheres mündlich. Indem ich im Geiste 



— i68 — 

einen Verlobungskuss auf Deine Lippen 
drücke, von denen mich keine Macht der 
Erde mehr reissen soll, verbleibe ich Deine 
sehnsüchtige 

Louise." 




XL 




lEONiE hatte nach ihrer letzten Be- 
gegnung mit Schwappel eine schlaf- 
lose Nacht gehabt, das heisst, sie war 
um fünf Uhr Morgens aufgewacht, und nach- 
dem sie sich einmal auf ihrem Lager sorgen- 
voll umgedreht hatte, nach zehn Minuten 
wieder eingeschlafen. 

Sie sass in Folge ihrer Uebernächtigkeit 
am nächsten Morgen länger als gewöhnlich 
vor dem Spiegel, und nahm auch einige 
Büchschen und Schälchen, die sich in einer 
versperrten kleinen Lade desselben befanden, 
mehr in Anspruch als sonst. So wie sich nach 
jeder geregelten Thätigkeit die Ruhe wieder 
einstellt, die wir verloren hatten, waren auch, 
nachdem das Geschäft, das sie heute so wie 



— lyo — 

jeden Morgen vor denSpk^el führte, beendet 
war, alle Spuren der Aufregung des T«ges und 
der Nacht vorher aus ihrem schönen An- 
gesichte verschwunden, und selbst das Auge 
der hässlichsten Frau hätte nicht ntehr einige 
rothe Fleckchen auf ihren Wangen, eine kleine 
Abblätterung der Haut auf ihrem Kinne, so- 
wie ein Fältchen von rührender Unbedeutend- 
heit am unteren Augenlide wahrzunehmen ver- 
mocht, die noch anderthalb Stunden vorher 
als Folgen der ungewöhnlichen Aufregung 
ihrer Seele dort zu sehen waren. 

Erst, nachdem sie ihre Toüette beendigt 
hatte, gestattete sie Schwappel, ihrem Geiste 
vorzuschweben. Sie fand, dass sie sein im- 
überlegtes Benehmen gegen sie im Schön- 
brunner Garten viel zu strenge beurtheilt habe. 
Sie gab ihrem Manne gewiss nie Recht, aber 
sie musste ihm fast beipflichten, dass ihre 
Phantasie überreizt sei, wenn sie daran dachte, 
wie sie in ihrer Ueberraschung die Gefahr, 
die ihrer Tugend drohte, übertrieben hatte. 
Was war denn das Verbrechen des armen 
Schwappel? Dass er ihr eine Liebeserklänmg 
gemacht, ihre Hände geküsst, und den Ver- 



— 171 — 

such gemacht hatte, ihr einen Kuss zu rauben. 
Aber war dies nicht Alles bei einer so leiden- 
schaftlichen Natur zu entschuldigen? Sie war 
ja viel geliebt worden in ihrem Leben, aber 
noch nie hatte die Liebe zu ihr einon Manne 
solche schmeichelhafte Seelenqualen bereitet 
wie Schwappel. Und sie hatte nie etwas dazu 
gethan, diese zu lindem, sie hatte ihm nie den 
geringsten Trost gespendet, und ihn höchstens 
errathen assen, dass ihr seine Person nicht 
ganz gleichgiltig sei. 

Ja, sein trauriges Loos ging ihr so nahe, 
dass sie sich fragte, ob sie ihr Gewissen nicht 
freisprechen würde, wenn sie sich, um ihn 
vor der Verzweiflung zu retten, einen Kuss 
hätte rauben lassen, und ihm nur dann mit 
aller Entschiedenheit diese unerhörte Dreistig- 
keit verwiesen hätte. Leonie war entschlossen, 
Schwappel, sobald sie ihn wieder sehen 
würde, zwar nicht zu ermuthigen, aber ihm die 
ganze Grossmuth, deren ein edles Weib fähig 
ist, entgegen zu bringen, ein Programm, das 
sie, so unbestimmt auch Manchem die Gren- 
zen desselben erscheinen mögen, vollkommen 
befriedigte. 



iy2 

Am folgenden Tage fuhr Herr von Malzau 
nach Tische in die Stadt, um noch einige 
Vorkehrungen für seine Abreise zu treffen, 
die auf den nächsten Morgen festgesetzt war. 
Ehe er das Haus verliess, umarmte er seine 
Frau, ungeachtet ihres Sträubens, sehr zärt- 
lich und bemerkte halb scherzend, halb ernst, 
er hoffe, sie würde noch in den letzten Tagen 
ihren Eigensinn aufgeben und mit ihm reisen. 
Leonie war entrüstet über die Zudringlichkeit 
ihres Mannes und ihr kurzes und kaltes Lebe- 
wohl bewies ihm, wie wenig eine Charakter- 
feste Frau geneigt sei, einen Entschluss, den 
sie so reiflich erwogen hatte, zu ändern. 

Es war ein sehr schwüler Nachmittag und 
Leonie fühlte sich so beklommen, dass sie sich 
in den Gartenpavillon begab und auf das Sofa 
legte, um auszuruhen und sich einem leichten 
Nachsinnen zu überlassen. Sie seufzte tief 
auf, allein ehe sie noch den zu dieser Tonart 
passenden schwermüthigen Gedanken gefun- 
den hatte, umflatterten sie schon die bun- 
testen Traumbilder. Es war aber ein gräss- 
licher Spuk! Sie träumte, ihr Mann habe ihr 
aus der Stadt als Abschiedsgeschenk ein aller- 



— 173 — 

liebstes kleines Hündchen gebracht. Sie nahm 
es auf den Schoss und herzte es, aber wie 
sie es streichelte, wurde es zusehends grösser 
und wuchs immer mehr . und endlich wurde 
es ein riesiges Ungethüm, das den Rachen 
fürchterlich aufsperrte und Feuer schnob. 
Und wie ihr vor Entsetzen die Stimme ver- 
sagte, dass sie nicht aufschreien konnte, und 
der Schrecken ihre Glieder gelähmt hatte, 
stemmte ihr Mann laut lachend die Fäuste in 
die Hüften und sang, fürchterliche Grimassen 
schneidend, die Worte des Siegfried Richard 
Wagner' s, da er den in einen Drachen ver- 
wandelten Riesen Fafner sieht : 

Eine zierliche Fresse 
zeigst du mir da: 
lachende Zähne 
im Leckermaul! 

Und dann träumte ihr wieder, sie sei, 
von einer bösen Ahnung getrieben, ihrem 
Manne heimlich nacl^ereist, sie komme in 
der Dunkelheit in dem Schlosse an und irre 
in den finstem, öden Gängen desselben um- 
her. Mit einem Male blinkte ihr aus der 
Spalte einer Thüre Licht entgegen, und wie 



— 174 — 

sie sich auf den Fusspitzen angstvoll neu- 
gierig näherte, da erschallte aus dem Gelasse 
heraus der brünstige Wechselgesang aus der 
„Walküre" zwischen Siegmund und Sieglinde. 
Sie öffiiete behutsam die Thüre und sah ihren 
Mann, der eine weibliche Gestalt umarmt 
hielt, und wie diese den Kopf nach ihr um- 
wandte, erkannte sie in derselben Frau Blum. 
Sie , schrie laut auf, und als ihr Mann ent- 
deckte, dass sie ihn belauscht habe, zog er 
wüthend einen Revolver, aus der Tasche, 
richtete ihn auf sie, ein furchtbarer Knall er- 
schütterte die Luft und — da erwachte Leonie. 
Sie erhob sich vom Sofa und hörte die 
letzten Schläge eines krachenden Donner- 
wirbels. Geängstigt schritt sie zur Thüre. 
Draussen war es finster und von den Kies- 
wegen hörte man, wie der Sand unter dem 
niederfallenden Regen knisterte. Vom Himmel 
wälzten sich grosse schwarze Wolkenballen 
nieder, und manchmal platzte einer derselben 
and aus dem Risse drang dann ein grell 
leuchtender Schein hervor. Wenn der Donner 
schwieg, verüahm man aus den rauschenden 
Zweigen das furchtsame Zirpen eines Vogels. 



- 175 - 

Da entzündete sich plötzlich das Firmament 
unter dem Aufflammen eines dahin schiessen- 
den Blitzstrahls. Leonie schlug zitternd die 
Augen nieder, und wie sie wieder aufschaute, 
da war es ihr, als hätte sie in dem offen 
stehenden Gartenpförtchen der Frau Blum 
die Gestalt eines Mannes gesehen — Schwap- 
pel's. Sie zog sich von der Schwelle zurück 
und zündete rasch die Kerze des Garten- 
leuchters an, der auf dem Tische stand. 
Dann eilte sie, den schweren Leuchter mit 
beiden Händen erfassend, wieder zur Thüre, 
um den Gärtner zu rufen. In demselben Augen- 
blicke jedoch sah sie Schwappel schnellen 
Schrittes gegen den Pavillon herankommen, 
und ehe sie noch ihre Geistesgegenwart wieder 
erlangt hatte, war derselbe düster grtissend 
herangetreten. 

„Sie hier?'' hauchte sie, denn das plötz- 
liche Erscheinen des dämonischen Schwappel 
nach diesen beängstigenden Träumen und in 
dieser unheimlichen Szenerie erschreckte sie. 

„Ich war", fuhr sie fort, „auf diesen Be- 
such in der Dunkelheit, hier im Garten nicht 



— 176 — 

vorbereitet. Ich bin ganz allein, ich will den 
Gärtner rufen." 

Schwappel küsste ihre beiden wehrlosen 
Hände, die den Leuchter hielten, mehrere 
Male, dann nahm er ihr diesen ab und indem 
er ihn auf den Tisch stellte, rief er mit 
Bitterkeit: 

„Sie sind ganz allein, Leonie? Und Sie 
sagen dies in einem Tone, als wenn Sie dieses 
Alleinsein bedauerten. Und doch, wie lange 
habe ich mich nach einem solchen Augen- 
blicke gesehnt! Oder wollen Sie Ihre Grau- 
samkeit gegen mich fortsetzen, Leonie? Ich 
habe gehofft, dass die Kälte, mit der Sie 
mich neulich zurückgewiesen haben, nur jn 
der Besorgniss, wir könnten belauscht wer- 
den, ihren Grund hatte. Aber hier sind wir 
sicher, es ist Nacht draussen und Donner 
und Blitz stehen Schildwache bei unserer 
Liebe. Wir sind, Gott sei Dank, allein, theure, 
angebetete Leonie, und Sie können Alles wie- 
der gut machen, was Sie an mir und meiner 
Liebe verbrochen haben. Ich muss dem Zu- 
falle danken, was Ihre Härte mir verweigert 
hat. Ich hatte gerade die Absicht, Frau Blum 



• — m — 

zu besuchen, als Sie mir, Leonie, wie ein 
überirdisches Wesen in den Flammen eines 
Blitzes erschienen. O, geliebte Leonie, es 
war ein Wink des Himmels, wir wollen ihn 
beachten." 

Leonie stand noch immer, sie hatte die 
Blicke gesenkt, und die Linke, die sie auf 
den Tisch stützte, zitterte: 

„Nennen Sie mich nicht grausam und 
hart; ich durfte nicht anders handeln, ich 
darf nicht. Ich bin unglücklich, ich werde 
aber nicht meine Pflicht verletzen," 

„Schreibt Ihnen die Pflicht, Grausame, 
vor, die Hand zurückzuziehen, die einen Er- 
trinkenden retten könnte, zu schweigen, wenn 
der Hauch eines Wortes einen Fiebernden zu 
heilen vermöchte, den elend Unglücklichen, 
der Sie liebt, zu tödten, damit die Etikette 
gegen einen Ehemann, dem Sie gleichgütig 
sind, wie ihm nichts gilt, was schön und edel 
ist, nicht verletzt werde. Verleugnen Sie nicht, 
Leonie, was ich in Ihren schönen Augen ja 
längst gelesen habe, dass auch Sie mich 
lieben," 

Leonie verbarg das Gesicht in beide 

12 



— 178 — • 

Hände, setzte sich langsam aufs Sofa und 
schwieg. 

„Diese Stunde**, rief Schwappel, indem 
er ganz nahe herantrat und Leoniens Hand 
ergriff, „sie ist entscheidend für mein Glück, 
für meine Kunst, für mein Leben, ich darf 
sie nicht vorübergehen lassen 1** und dabei 
kniete er nieder und legte sein Gesicht in 
ihren Schoss. 

„Um des Himmels Willen, stehen Sie auf, — 
wenn Jemand einträte, — wenn mein Mann 
plötzlich zurückkehrte, — ich wäre verloren!** 
Und Leonie versuchte es, sich zu erheben. 

Schwappel aber hatte ihre Arme gefasst 
und hielt sie nieder. 

„Mag kommen, wer wolle, ich lasse Dich 
nicht mehr! Du musst mein sein, oder ich 
will diesem unerträglichen Leben ein Ende 
machen ! ** 

Und indem er sie losliess, zog er plötz- 
lich den Dolch der Gräfin Brzezienicki hervor 
und zückte ihn gegen seine Brust. 

Leonie stiess einen leisen Schrei aus und 
fiel ihm in den Arm. 

Schwappel sprang auf, sein Blut kochte. 



— 179 — 

seine Wangen waren geröthet, sein Auge 
flammte unheimlich, seine Lippen bebten, er 
hielt den Dolch in seiner krampfhaft geball- 
ten Faust, so dass sich Leoniens die zwie- 
fache Angst bemächtigte, er möchte sich er- 
dolchen, oder sich an ihr vergreifen. Sie 
flüchtete sich hinter den Tisch, den sie an ' 
sich zog. 

„Tödten Sie sich nicht, ich will ja Alles 
thun, was mein Gewissen mir erlaubt! Lassen 
Sie mir nur Zeit, meine Gefühle zu sammeln I 
Ich weiss nicht, was ich beginnen soll! Scho- 
nen Sie doch meine Hilflosigkeit!" 

„Nein, nein, ich will Dich besitzen, oder 
an Deiner Brust sterben!" 

Und dabei stiess Schwappel den Tisch 
weit weg, so dass der Leuchter umfiel und 
das Licht erlosch, und schlang seinen Arm 
um Leoniens Leib. Er zog sie mit Gewalt an 
sich. Sie fühlte seine heisse Wange an ihrer 
Brust, dann stöhnte er auf und drückte einen 
Kuss auf ihren Hals. Während Leonie sich 
loszureissen versuchte, war es ihr, als glitten 
seine Thränen an ihrem Halse nieder. Er 
suchte sie gegen das Sofa zu drängen. Leonie 

12* 



— i8o — 

fühlte, wie ihre Kräfte sie verliessen und 
schrie, halb erstickt von seinen Küssen, um 
Hilfe! Aber plötzlich Hess Schwappel sie los 
und taumelte zurück. Kaum fühlte sich Leonie 
frei, so* stürzte sie zur Thüre und lief, ohne 
sich umzusehen, durch die Gartenpforte, bis 
sie vor dem Landhause der Frau Blum an- 
gelangt war. Sie schöpfte Athem, dann eilte 
sie die Treppe hinan und riss die Thüre so 
gewaltsam auf, dass das Stubenmädchen er- 
schrocken mit einem Lichte herbeieilte. Diese 
prallte, als sie Frau von Malzau erblickt hatte, 
entsetzt zurück und kreischte: 

„Hufe, Hilfe! die gnädige Frau schwimmt 
in Blut! Sie ist verwundet! Sie stirbt! Man 
hat sie ermordet!" 

Leonie klammerte sich bei diesen 
Schreckensrufen fast ohnmächtig an die Thüre 
und brachte nur mühsam die Worte hervor: 

„Einen Spiegel!" 

Das Stubenmädchen brachte einen Stuhl 
und reichte ihr einen Spiegel. Leonie warf 
nur einen Blick in diesen, dann sank sie 
leichenblass in den Stuhl zurück, schloss die 
Augen und ächzte: 



— i8i — 

„Ich sterbe!" 

Auf ihrem Gesichte war ein Blutfleck, von 
ihrem Halse lief ein blutiger Streifen herunter 
zur Brust und auch auf ihrem Kleide sah man 
die Spuren frischen Blutes. Frau Blum kam 
jetzt mit der Majorswittwe herbei*, die ihr 
einen Besuch abgestattet hatte, um ihr ihre 
Verlobung mit Goldschein mitzutheilen. Als 
sie den schrecklichen Zustand sah, in dem 
sich Leonie befand, erklärte sie, den Tod 
ihrer Freundin nicht überleben zu können, 
traf auch die nothwendigen Vorbereitungen 
für eine Ohnmacht und drückte dem sie auf- 
fangenden Stubenmädchen vor ihrem Ende 
noch leise den Wunsch aus, diese möge nach 
der aufgetragenen Chokolade sehen, damit 
sie nicht kalt werde. Die Majorswittwe leistete 
indessen der Verwundeten Beistand, sie öffnete 
deren Kleid und nachdem sie mit einem 
Schwämme das Blut entfernt hatte und sich 
nirgends eine Wunde zeigte, küsste sie Leonie 
mehrere Male und rief: 

„Erholen Sie sich, Herzchen, es ist weder 
eine Hieb- noch eine Stichwunde, ja nicht 



l82 — 

das geringste Ritzchen an Ihrem Leibe zu 
entdecken, verlassen Sie sich auf mich." 

Leonie erholte sich bei diesen Worten 
von ihrem Schreck und besah sich noch ein- 
mal ängstlich, dann aber fasste sie plötzlich 
ihren Koj^ mit beiden Händen und jammerte : 

„Er hat sich an meiner Brust ermordet, 
der Unglückliche, und ich bin Schuld an sei- 
nem Todel" 

Bei diesen Worten kehrten auch die Elräfte 
der Frau Blum so weit zurück, dass sie zu 
fragen vermochte: 

„Welcher Unglückliche?" 

„Schwappen " 

„Schwappel todt!" schrie Frau Blum, in- 
dem sie die berühmte Stellung der Mutter der 
Niobiden nachzuahmen versuchte, „welcher 
unersetzliche Verlust für die Kunst!" 

„Dieser Richard Wagner", seufzte die Ma- 
jorswittwe, „wird noch Alle verrückt machen! 
Mein armer Goldschein, der Tod Schwappel' sr 
wird ihn sehr angreifen! Und gerade jetzt 
muss dies Unglück geschehen, wo er so sehr 
der Schonung bedarf. Ich wollte Sie nämlich, 
liebe Leonie, sobald das Gewitter vorüber- 



- i83 - 

gegangen wäre, besuchen, um Ihnen mitzu- 
theilen, dass ich Goldschein heirate, und dass 
unsere Hochzeit in vier Wochen stattfindet." 

„Und an Ihrer Brust", fragte Frau Blum, 
„hat er sein edles Leben ausgehaucht?" und 
dabei warf sie einen zufriedenen Blick auf 
ihren eigenen Busen, den erhabenen, nur der 
Kunst geweihten Altar, der, Gott sei Dank, 
bisher noch nicht durch blutige Opfer be- 
fleckt worden war. „Ich habe zwar immer 
gesehen, dass der arme Schwappel in Sie 
verliebt war, aber ich habe dabei immer nur 
an eine gewöhnliche Künstlerliebe gedacht, 
die in der Regel harmonisch abschliesst, indem 
man sich die Briefe gegenseitig zurückgiebt und 
darauf ein dauerndes Freundschaftsverhältniss 
eingeht Ich bin nur neugierig, was Brauser 
in seinem Nekrolog über ihn schreiben wird?" 

„Da er sich aber", sagte die Majorswittwe, 
„an Ihrer Brust den Tod gegeben hat, waren 
Sie doch nicht Schuld an seinem Tode?" 

Leonie erzählte nun in Kürze, was vor- 
gefallen war, mit der kleinen Aenderung, dass 
sie die genaue Schilderung einschaltete, wie 



— i84 — 

sich Schwappel dreimal den Dolch in's Herz 
gebohrt habe. 

„Grässlich, entsetzlich!" rief die Majorin, 
nachdem die Erzählung beendet war. ,,Ah^r 
wir plaudern hier und lassen ihn verbluten, 
vielleicht ist er noch zu retten. Gehen wirl" 

Obwohl Leonie schmerzlich verneinend 
den Kopf schüttelte, ergriff die Majorin eine 
Lampe und ging voran, während Leonie und 
Frau Blum in einiger Entfernung furchtsam 
folgten. Schon aus der Feme drang aus dem 
Pavillon Licht zu ihnen und als sie näher 
kamen, liefen eben der Gärtner mit einem 
grossen Waschbecken und seine Frau mit 
Leinentüchern dem Pavillon entgegen. 

„Gott sei mir gnädig", wimmerte Leonie, 
„ich werde den fürchterlichen Anblick nicht 
ertragen können, ich bin schon jetzt einer 
Ohnmacht nahe." 

Frau Blum zog ein Fläschchen mit Äiech- 
salz aus dem Busen hervor und hielt es bald 
vor ihre, bald vor Leoniens Nase. Die Ma- 
jorswittwe flüsterte, sich zu den Beiden um- 
wendend : 

„Er lebt vielleicht noch, denn da der 



— i85 — 

Gärtner ihm Hilfe bringt, hat er wahrschein- 
lich darnach gerufen." 

Nur die Majorswittwe hatte den Muth, in 
den Pavillon einzutreten, während die beiden 
anderen Frauen angstvoll einige Schritte vor 
dem Eingange stehen blieben. Kaum war 
die Majorin im Pavillon, als sie laut „Jesus, 
Maria!" schrie. Leonie hielt sich bebend an 
dem Arm der Frau Blum fest. Gleich darauf 
aber hörte man das immer lauter werdende 
Gelächter der Wittwe. Leonie erschrak über 
dieses fast noch mehr als über den früheren 
Weheruf, Frau Blum jedoch rief händeringend: 

„O Jammer über Jammer, die arme Ma- 
jorswittwe ist vor Entsetzen verrückt ge- 
worden!" 

Die Wittwe aber trat jetzt, sich die Seiten 
vor Lachen haltend, heraus: 

„Muth, meine Damen, vielleicht gelingt 
es noch, den dämonischen Schwappel durch 
Anwendung von kalten Umschlägen zu retten. 
Sie haben jedoch, gute Leonie! wahrscheinlich 
in Folge der schlechten Beleuchtung nicht 
ganz richtig gesehen, denn der Bejammems- 
werthe scheint sich die drei Dolchstösse nicht. 



— i86 — 

wie Sie erzählten, in das Herz, sondern in 
die Nase gegeben zu haben, da er aus der- 
selben blutet, als wenn sie ihm mit einem 
bosnischen Handschar aufgeschlitzt worden 
wäre, hahaha! Als ich eintrat und sein blu- 
tiges Gesicht sah, erschrak ich, wie ich jedoch 
entdeckte, dass seine Nase das grosse Blut- 
bad angerichtet hatte, musste ich um so herz- 
licher lachen. Er sah zu komisch aus, der 
dämonische Schwappel, hahaha I Hoffentlich 
wird er in Folge der Bemühungen des Gärtners 
und seiner Frau der Gesellschaft bald wieder- 
gegeben werden, der Selbstmörder aus Liebe, 
hahaha I Sie werden wohl nicht böse sein, 
liebe Leonie, dass er Ihnen mit seiner Nase 
solchen Schrecken eingejagt hat, aber warum 
mussten Sie ihn auch durch Ihre Grausam- 
keit zum Aeussersten treiben?" 

Frau Blum und die Majorin lachten um 
die Wette, so dass Leonie ausser sich vor 
Wuth und Scham war und nur mühsam ihre 
Thränen unterdrückte. 

„Sagen Sie Herrn Schwappel", rief Leonie, 
indem sie so nahe an die Schwelle des Pa- 
villons trat, dass Schwappel sie hören musste, 



— iSy — 

„dass ich hoffe, er werde mein Haus so 
schnell wie möglich verlassen und nie wieder 
betreten. Ich werde das Meinige thun, um 
auch jede andere Begegnung mit ihm zu ver- 
meiden. Dem Todten", fügte sie hinzu, da 
die Majorin und Frau Blum sie milder zu 
stimmen suchten, „hätte ich vergeben, der 
Lebende ist mir verächtlich." 

Sie entfernte sich hierauf, nachdem die 
beiden Frauen sie vergebens zurückzuhalten 
bestrebt waren, und schloss sich in ihr Zimmer 
ein. Dort liess sie ihren Thränen freien Lauf, 
denn ihre Lage erschien ihr trostlos. Sie 
hätte ein grosses Unglück leichter zu ertragen 
vermocht als die Lächerlichkeit. Sie, die be- 
wunderte reine und schöne Frau, der selbst 
der giftigste Neid bisher nichts anzuhaben 
vermochte, war durch einen Hanswurst zum 
Gegenstand des Gespöttes geworden ! Sie sah, 
wie man sich bei ihrem Erscheinen in die 
Ohren zischelte und hämisch lachte und sie 
hörte die unerbittlichen Epigramme vorüber- 
schwirren, die alle nach ihrer Ehre und ihrem 
Rufe zielten. Aber sie gestand sich ein, dass 
sie schuldig war und ihre Thränen flössen 



— i88 — 

nur um so reichlicher. Die Eitelkeit, Koket- 
terie und alle Unwahrheit waren plötzlich von 
ihr gewichen, aber für die Welt kam ihre 
Besserung zu spät. Sie fühlte sich unsäglich 
elend und war der Verzweiflung nahe. Da 
vernahm sie plötzlich das Rollen eines Wagens. 
„Gott sei Dank", rief sie, „mein Mann!" 
Sie hörte seinen schweren Tritt auf der 
Stiege, seinen Athem, sie öfihete die Thüre 
und warf sich in seine Arme. Dann um- 
schlang sie mit beiden Händen seinen dicken 
Hals, streichelte seine Wangen, küsste ihn 
und nannte ihn „mein einziger Freund!" mit 
einer Innigkeit des Tones, wie sie nur das 
Herzweh lehrt. Ihr Mann war über diese un- 
gewohnte Liebkosung seiner Frau aufs Freu- 
digste überrascht und umarmte sie zärtlich. 
Ihr Herz schlug, an dieser breiten treuen 
Brust gebettet, wieder ruhiger. Das war der 
sichere Zufluchtsort, der ihr geblieben war. 
Erst jetzt gehörte sie ihm, und sie fasste 
seine grossen Hände, sah ihm hoffnungsvoll 
in das Auge, umarmte ihn wieder und hielt 
ihn fest umklammert, als wenn sie eben vom 
Traualtare gekommen wären. 



— 189 — 

„Du bist so erregt, Du hast geweint, was 
ist Dir geschehen, mein liebes, gutes Kind?" 
fragte er. 

„Ich werde Dir Alles morgen während 
unserer Reise nach dem Gute erzählen." 

„Was höre ich. Du willst mit mir kommen? 
Und", fügte er nach einer Pause, sie zweifelnd 
anblickend, hinzu, „das Leben auf dem Gute 
wird Dir nicht zu prosaisch sein?" 

„Ach, mein lieber Mann", erwiederte 
Leonie, indem sie die Hände faltete, „wie 
sehn' ich mich nach dieser Prosa!" 



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